Startseite Gesundheit Wie gelingt Homeschooling?
Eltern machen mit Kindern am Esstisch Hausaufgaben
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Die Schule ist zu

Montagmorgen, 8:30 Uhr: Das Kind hört im Schlafanzug Hörspiele. Im „normalen Leben“ wäre längst die erste Unterrichtsstunde vorbei und die Frühstücksbox verputzt. Im „Corona-Leben“ gehen die Uhren anders. Das Kind zum Homeschooling zu bewegen? Keine Chance! Neun Jahre ist Jonas alt und für ihn gilt folgendes Prinzip: Wenn die Schule zu ist, sind Ferien. So kannte er es bisher – warum sollte das jetzt anders sein? Klar erkläre ich ihm die Situation immer wieder. Aber Jonas ist ein Schulkind, im wahrsten Sinne des Wortes. Er liebt es, zur Schule zu gehen, dort zu lernen, dort seine Freunde zu treffen – fernab vom Kinderzimmer, das ihn ablenkt. Nun fällt das alles weg, dafür bekommt er eine neue Lehrerin: mich. Von der Schule erhalten wir kaum Unterstützung – vor allem werden Arbeitsblätter verschickt. Langweilig, sagt Jonas. Ich verstehe es. So wie ihm geht es vielen Kindern in Deutschland: Wie eine breit angelegte Eltern-Umfrage der Universität Koblenz-Landau ergeben hat, sind 51,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen eher wenig bis nicht motiviert, zu Hause zu lernen. Knapp ein Viertel der Eltern gibt an, dass sie die Beziehung zu ihrem Kind durch das Homeschooling belastet sehen. Ich kann es bestätigen. Mir und Jonas tut das Homeschooling nicht gut. Ich spiele Lehrerin, kontrolliere Arbeitsblätter, diktiere das Wochendiktat und treibe ihn an, sein Gedicht auswendig zu lernen. Währenddessen langweilt sich die fünfjährige Schwester, das Telefon klingelt – denn einen Job habe ich ja auch noch. Alle sind unglücklich.

Jonas sagt: „Mama, Du bist viel streng! Ich will nicht, dass Du meine Lehrerin bist!“

Juli sagt: „Mama, nie hast Du Zeit für mich. Mit wem soll ich spielen?“

Mama sagt: „Ich kann mich nicht zerreißen!“

Portrait von Svenja Stottmeister

Lehrerin im Interview

„Den Eltern nicht zu viel Verantwortung aufbürden!“

Wie kommen wir raus aus dieser Lage? Wie wird Homeschooling für Kinder erträglich – und vielleicht sogar zum Spaß? Darüber habe ich mit meiner Schwester Svenja Stottmeister gesprochen. Sie ist Grundschullehrerin in Niedersachsen und selbst Mutter zweier Kinder:

In vielen Familien sorgt bereits das Wort „Homeschooling“ für Wut, Tränen und Frust. Wie kommt das?

Es fängt schon mit dem Wort „Homeschooling“ an. Es bedeutet eigentlich, dass Eltern oder auch Privatlehrer ihre Kinder zuhause unterrichten – und zwar freiwillig. Das, was im Moment in den Familien abläuft, ist aber kein Homeschooling in diesem Sinn. Die Eltern machen es nicht freiwillig, sie haben eigentlich keine Zeit dafür und sind auch nicht entsprechend ausgebildet. Deshalb vermittelt der Begriff „Homeschooling“ ein falsches Bild und setzt Eltern extrem unter Druck, ihrem Kind etwas beibringen zu müssen – und zwar auf dem Niveau, wie die Schule das tut. Sie sorgen sich, dass ihre Kinder etwas verpassen und sie selbst schuld daran sind. Doch das ist nicht so, und diese Verantwortung sollte man Eltern auch nicht aufbürden. Mir wäre es wichtig, dass Eltern wissen, dass sie nicht Lehrer spielen müssen. Denn das schadet der Eltern-Kind-Beziehung ganz eindeutig. Wichtig wäre es, wenn die Eltern in das Lernen von Zuhause aus so wenig wie möglich involviert wären.

Leider ist das aber nicht der Regelfall. In vielen Familien übernehmen die Eltern die Lehrerrolle und müssen versuchen, ihre Kinder zum Lernen zu motivieren.

Ich finde es wichtig, wenn Eltern erst einmal versuchen zu verstehen, warum ihre Kinder so wenig Antrieb haben. Häufig ist es so, dass sie einfach ihre sogenannte Peergroup vermissen – also ihre Klassenkameraden, mit denen sie zusammen lernen können. Dann fehlen ihnen auch die Lehrer als kompetente Lernbegleiter und häufig fehlt es Zuhause eben auch an pädagogisch entsprechend aufbereiteten Inhalten. Und dann kommt auch noch dazu, dass die verlässliche Hilfestellung fehlt. Mama und Papa müssen in der Regel parallel arbeiten und können sich nicht permanent mit den Schulsachen der Kinder beschäftigen. Wenn man sich diese Umstände klarmacht, fällt es häufig leichter, sich in das Kind hineinzuversetzen und anzuerkennen, dass die Lage zurzeit für niemanden optimal ist. Wichtig ist auch, dem Kind deutlich zu zeigen, dass man es versteht und ihm auch sagt, dass es einem selbst ähnlich geht.

Aber ernst werden muss es dann auch. Wie findet man einen Anfang?

Eine gute Methode ist es, den Kindern auch Zuhause einen strukturierten Tagesablauf zu bieten. Eltern könnten gemeinsam mit ihren Kindern einen Plan gestalten, auf dem sie selbst erkennen können, welche Aufgaben am Tag anstehen. Hier sollten Eltern auf jeden Fall auch Rücksicht auf die Vorlieben der Kinder nehmen. Es gibt Schulkinder, die machen am liebsten alle Aufgaben am Stück und haben den Rest des Tages die Schule aus dem Kopf. Andere verteilen die Aufgaben lieber über den gesamten Tag. Wichtig finde ich es auch, dass Kinder auch zuhause bestimmte Routinen und Abläufe beibehalten. Beispielsweise würde ich nicht empfehlen, im Schlafanzug mit dem Lernen zu beginnen. Anziehen und Zähneputzen können dem Kind signalisieren: Jetzt geht es los mit der Lernzeit!

Wie kann man ihnen diese Lernzeit noch schmackhafter machen?

Schmackhaft kann man es ihnen im wahrsten Sinne des Wortes machen. Zum Beispiel, indem man ihnen noch einen leckeren Obstteller macht und dazu vielleicht einen Kakao. Darauf können sich Kinder dann täglich freuen und finden so den Einstieg in das Lernen leichter.  Wichtig ist auch, dass Kinder zuhause einen schönen Lernort haben – am besten immer an derselben Stelle. Dort sollten auch alle Schulmaterialien griffbereit liegen. Eine gute Möglichkeit ist es auch, das Lernen in Häppchen aufzuteilen, damit der Aufgabenberg die Kinder nicht demotiviert. Hilfreich ist es beispielsweise, einen Timer auf 15 Minuten zu stellen und dem Kind zu erklären, dass es in dieser Zeit versuchen soll, konzentriert zu arbeiten – und nach Ablauf der Zeit gibt es dann eine Pause. Vielleicht bietet sich dann eine kleine Sporteinheit an.

Und was, wenn der Zeitplan nicht eingehalten wird und die Matheaufgabe einfach nicht fertiggeworden ist?

Dann sollten Eltern nicht zu streng mit den Kindern und sich selbst sein. Wenn abgemacht war, dass das Lernen beispielsweise um 14 Uhr beendet wird, dann sollte man sich auch unbedingt daranhalten. Kinder sollten sich auf solche Angaben der Eltern verlassen dürfen. Selbst wenn Mathe dann noch nicht fertig ist, dann bleibt die Aufgabe eben bis morgen liegen und wird dann erledigt. Eltern sollten versuchen, sich als Team mit ihren Kindern zu fühlen. Das stärkt Kinder sehr.

Sandra Arens

freie Journalistin; Gastautorin

Bildnachweis

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  • Svenja Stottmeister; © privat

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