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Gesundheit

Organspende im Umbruch?

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Nach einer längeren Flaute steigen die Zahlen der Organspender seit 2017 wieder leicht an. Nach wie vor warten jedoch immer noch zu viele Menschen auf ein lebensrettendes Organ. Zwar betonen viele Deutsche, dass sie die Organspende als durchaus sinnvoll erachten. Dennoch füllen sie den Spenderausweis oft nicht aus. Aktuell werden auf politischer Ebene deshalb verschiedene Modelle zur Verbesserung der Spendenbereitschaft debattiert.

Organspende ist sicher nicht einfach, schließlich soll man zu Lebzeiten eine Entscheidung über seinen Tod hinaus treffen. Wer sich bewusst dafür oder dagegen entscheidet, nimmt seinen Angehörigen diese oft schwierige Entscheidung ab. In Deutschland sorgt das 2012 reformierte Transplantationsgesetz (TPG) mit der „Entscheidungsregelung“ für Sicherheit und Transparenz in diesem Prozess. Die drei Bereiche Organspende, Organvermittlung und Organübertragung sind dabei streng organisatorisch und personell voneinander getrennt. Jeder dieser Bereiche ist bei einer anderen Einrichtung angesiedelt. Diese werden zusätzlich von Kommissionen kontrolliert und geprüft.

 

 

Auf Basis einer „erweiterten Zustimmung“ regelt das TPG, dass ohne die Einverständniserklärung des Spenders keine Organentnahme möglich ist. „Erweitert“ bedeutet, dass auch die nächsten Angehörigen eines Verstorbenen dieses Einverständnis in seinem Sinne erklären können, auch wenn kein Spenderausweis vorliegt.

Die Zahl der Organspender in Deutschland fällt im europäischen Vergleich heute allerdings deutlich ab. Das liegt nicht allein an fehlender Spendenbereitschaft. Auch strukturelle und organisatorische Gründe haben dabei eine Rolle gespielt. Weil mittlerweile jedes Organ zählt, leitete eine Änderung des TPG vom 1. April 2019 deshalb einen erneuten Reformprozess ein. Diese ermöglicht, dass Kliniken künftig mehr Zeit und Geld für Transplantationen bekommen. Transplantationsbeauftragte haben nun schneller Zugang zu Intensivstationen und Patientenakten. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass der Prozess rechtzeitig in die Wege geleitet werden kann und damit mehr Spenden möglich werden.

Aus aktiver Zustimmung könnte aktiver Widerspruch werden

Zum 1. April 2019 haben Gesundheitsminister Jens Spahn und weitere Politiker parteiübergreifend einen Gesetzesentwurf zur Einführung einer „doppelten Widerspruchslösung“ vorgestellt, die beispielsweise in Österreich, Spanien und Italien bereits gilt. Danach würde gelten: Hat die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, zum Beispiel in einem Widerspruchsregister, können Organe zur Transplantation entnommen werden. In einigen Ländern haben die Angehörigen das Recht, einer Organentnahme bei der verstorbenen Person zu widersprechen, sollte keine Entscheidung der verstorbenen Person vorliegen.

Andere Abgeordnete, der Deutsche Ethikrat und die Deutsche Patientenstiftung melden jedoch Bedenken zu dieser Variante an. Zum Vergleich die Gesetzeslage und der Ministervorschlag:

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In Deutschland ist der zu Lebzeiten erklärte Wille pro oder kontra Organspende maßgebend und strikt zu beachten.

Dem Selbstbestimmungsrecht und dem Persönlichkeitsrecht des Einzelnen soll über den Tod hinaus höchste Priorität eingeräumt werden. Daher ist die Bekundung des Willens im Spenderausweis oder in einer Patientenverfügung hilfreich für Angehörige und Ärzte.

  • Jeder Deutsche ab dem 16. Lebensjahr kann zu Lebzeiten selbstbestimmt und freiwillig seine Entscheidung zur Organspende treffen.
  • Organspender werden noch nicht offiziell registriert. In der Diskussion ist eine Speicherung des Willens auf der elektronischen Gesundheitskarte.
  • Der im Organspende-Ausweis oder in einer Patientenverfügung festgehaltene Wille ist bindend für Ärzte und Angehörige.
  • Die Einwilligung bzw. Übertragung der Entscheidung auf Vertrauenspersonen kann vom vollendeten 16. Lebensjahr an, der Widerspruch vom vollendeten 14. Lebensjahr an erklärt werden.
  • Hat ein Verstorbener keine Entscheidung getroffen, sind die nächsten Angehörigen angehalten, in seinem Sinne zu entscheiden („erweiterte Zustimmung“). Dabei ist der (mutmaßliche) Wille des Verstorbenen maßgebend, nicht die Auffassung der Verwandten. Wäre der Wille nicht ermittelbar, entscheiden die Angehörigen nach Ermessen.

Der Gesundheitsminister und seine politischen Mitstreiter werben für die doppelte Widerspruchslösung. Sie möchten anregen, dass man sich bewusst die Frage der Organspende stellt und sich mit der eigenen Haltung für oder gegen eine Spende befasst. Ihr Wunsch ist, dass sich mit diesem Modell diejenigen vielleicht noch eher entscheiden, die ihre Willensbekundung bislang immer wieder aufschieben.

  • Jeder volljährige Deutsche wäre potenzieller Organspender, bis er zu Lebzeiten aktiv widerspricht.
  • Dieser aktive Widerspruch würde entsprechend bei einer zentralen Stelle registriert, die durch das Bundesministerium für Gesundheit mit Zustimmung des Bundesrats beauftragt wird.
  • Im Todesfall werden Angehörige erneut (daher „doppelt“) befragt und können widersprechen.
  • Liegt keine Entscheidung in einem Register vor, dann werden die Angehörigen lediglich gefragt, ob sie den Willen der oder des Verstorbenen kennen. Wenn sie das nicht wissen, dürfen die Ärzte Organe entnehmen.
  • Die Spende selbst bleibt stets freiwillig. Niemand wäre zur Organspende gezwungen!

Ziel im laufenden Reformprozess ist, möglichst bald weitere Regelungen auf den Weg zu bringen, welche die Situation für Organempfänger und Transplantationskliniken in Zukunft deutlich verbessert. Der Bundestag diskutiert alle Optionen: das bestehende Modell der „Zustimmungslösung“, Überlegungen zu seiner Ergänzung sowie das neu eingebrachte Modell der „Widerspruchslösung“. Eine ebenfalls fraktionsübergreifende Gruppe um Annalena Baerbock von den Grünen schlägt alternativ regelmäßige Befragungen der Bürger vor, etwa wenn sie bei einer Behörde einen Ausweis abholen. Sie sollen sich zudem selbst in einem Online-Register als Organspender ein- und auf Wunsch auch wieder austragen können. Auf diese Weise soll ohne Druck des Staates gewährleistet bleiben, dass ethische Aspekte berücksichtigt sind – inklusive der Option, vorerst noch keine Meinung zur Organspende zu haben.

 

Wo BARMER-Versicherte stehen

Eine Umfrage aus 2018 zeigt: Auch BARMER-Versicherte sind im Vergleich zu Vorjahren wieder mehr bereit, Organe zu spenden. Doch die Unsicherheit ist groß.

Bereitschaft Organspende gestiegen

Viele BARMER-Versicherte haben sich auch mit der Widerspruchslösung auseinandergesetzt. Von den Befragten stimmt die Mehrheit dafür.

Organspende: Mehrheit für Widerspruchsregelung

Claudia Rembecki

Redakteurin, BARMER Unternehmenskommunikation

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Kommentar
  1. Vielen Dank für die Illustration zur Widerspruchsregelung unter Barmer-Mitgliedern. Das zeigt wieder, dass Gesetzeslage und tatsächliches Meinungsbild auseinandergehen. Ich trage meinen Spendeausweis stets bei mir.