von links: Dirk Wiethölter, Bernd Heinemann, Ulrike Hauffe, Herbert Fritsch und Dietmar Katzer
Verwaltungsrat

Mehr Fairness braucht das Land

Das derzeitige Finanzierungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) begünstigt eine unfaire Verteilung der Mittel unter den einzelnen Kassen. Das Präsidium des Verwaltungsrates traf sich zu einem Gespräch über Stärken und Schwächen des Systems und wie es besser werden kann. Das BARMER­ E-Magazin war dabei.

Dietmar Katzer: Die gesetzlichen Krankenkassen haben zweistellige Milliardenbeträge auf der hohen Kante und das Jahr 2017 mit einem dicken Überschuss beendet. Man könnte meinen, alles sei gut.

 

 

 

 

Dirk Wiethölter: Auf den ersten Blick sieht das gut aus, aber dieses Gesamtergebnis zeigt nur die halbe Wahrheit. 

 

 

 

 

 

Ulrike Hauffe: Richtig. Denn das Finanzplus kommt nicht bei allen Krankenkassen im gleichen Maße an. Die jetzige Systematik, nach der die Gelder an die Kassen verteilt werden, führt zu Wettbewerbsverzerrungen.

 

 

 

Bernd Heinemann: Das müsste man näher erläutern.

 

 

 

 

Herbert Fritsch: Nun, wir haben seit vielen Jahren einen Risikostrukturausgleich. Sein Ziel ist es, dass die Beitragsgelder dorthin fließen sollen, wo sie zur Versorgung Kranker benötigt werden.

 

 

 

Dietmar Katzer: Aus diesem Grund orientiert er sich zurzeit an 80 Krankheiten. Die Kassen erhalten aus dem Gesundheitsfonds Zuweisungen, die sich nach den durchschnittlichen Leistungsausgaben aller Versicherten in Deutschland richten. Und hier liegt das Problem. Denn der Finanzausgleich zwischen den Kassen berücksichtigt nicht die regional unterschiedlich hohen Kosten für die medizinische Versorgung der Versicherten.

Dirk Wiethölter: Und so kommt es, dass vor allem regional agierende Kassen davon profitieren, dass es in strukturschwachen Regionen weniger Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken gibt.

Herbert Fritsch: Das stimmt. Und auf der anderen Seite ist die medizinische Versorgung in Ballungsgebieten viel teu ­ rer, da es dort ein Überangebot an medizinischen Leistungen für die Patientinnen und Patienten gibt.

Bernd Heinemann: Die Folge daraus ist klar. Einige regionale Kassen erhalten viel mehr Geld, als sie für die medizinische Versorgung ihrer Versicherten benötigen.

Ulrike Hauffe: Genauso klar ist es dann auch, dass bundesweit aufgestellte Kassen wie die BARMER oder andere Ersatz kassen benachteiligt werden.

Herbert Fritsch: Regionale Kassen haben also einen immensen Wettbewerbsvorteil, den man auch mit dem besten Management nicht ausgleichen kann.

Dietmar Katzer: Ich fürchte, dass unsere gesetzliche Krankenversicherung ganz aus den Fugen gerät, wenn nichts passiert.

Bernd Heinemann: Genau, trotz Milliardenreserven gerät das System zunehmend aus dem Gleichgewicht. Deshalb brauchen wir dringend eine Reform des Risikostrukturausgleichs.

Ulrike Hauffe: Hier ist also die neue Bundesregierung gefordert, die Geldverteilung zwischen den Krankenkassen weiterzuentwickeln und einen neuen Hochrisikopool einzurichten, der die Kassen in Extremsituationen entlastet.

Bernd Heinemann: Richtig. Im Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD eine solche Reform bereits angekündigt. Allerdings sollen erst noch Gutachten des Bundesversicherungsamts abgewartet werden.

Dirk Wiethölter: Gut, dass eine solche Reform ansteht. Denn es kann nicht sein, dass einige Krankenkassen im Geld schwimmen und andere darum kämpfen müssen, die medizinische Versorgung ihrer Versicherten sicherzustellen.

Herbert Fritsch: Zumal viele dieser reichen Kassen das Geld des solidarischen Ausgleichs für der Absenkung der eigenen Beiträge nutzen. Das verzerrt den Wettbewerb in der GKV.

Dietmar Katzer: Dann sollte die Politik schnell handeln.

Bernd Heinemann: Das wäre sehr sinnvoll. Die Beitragsgelder müssen fair verteilt werden, damit sich Krankenkassen im Wettbewerb um die beste Versorgung messen können. Das würde allen Patientinnen und Patienten am meisten nutzen!

Das sollte die Politik tun

  • Der Finanzausgleich der Kassen, von Experten morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich genannt, hat bereits viel verbessert. Jetzt müssen seine aktuellen Schwachstellen schnellstmöglich und solidarisch beseitigt werden.
  • Der wichtigsten Reformschritt ist die Berücksichtigung regionaler Unterschiede durch eine Versorgungsstrukturkomponente.
  • Außerdem wäre ein Hochrisikopool ein wichtiger Fortschritt. Er soll eine Krankenkasse davor schützen, durch extrem hohe Behandlungskosten überlastet zu werden.

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