BARMER-Arztreport 2019 mit Schwerpunkt: Reizdarmsyndrom
Gesundheit

BARMER-Arztreport
greift Tabuthema auf

Immer mehr Deutsche, vor allem auch jüngere Menschen, leiden unter dem sogenannten Reizdarmsyndrom. Die Verdauungsbeschwerden werden zudem allzu oft falsch behandelt.

Bauchschmerzen, Blähungen, Völlegefühl, Verstopfung oder Durchfall. Das Reizdarmsyndrom ist Schwerpunkt-Thema des aktuellen BARMER-Arztreportes. Denn in Deutschland erhielten, so die Wissenschaftler des Göttinger aQua-Institutes, rund eine Million Menschen im Jahr 2017 die Diagnose Reizdarmsyndrom. Das sei jedoch nur die Spitze des Eisbergs, zahlreiche Betroffene mieden aus Scham den Gang zum Arzt. Tatsächlich sei davon auszugehen, dass bis zu elf Millionen Erwachsene an Symptomen wie Durchfall, Krämpfen oder Verstopfung leiden. Erkrankt seien dabei zunehmend Jüngere. So sei die Anzahl der Betroffenen im Alter von 23 bis einschließlich 27 Jahren zwischen den Jahren 2005 und 2017 von knapp 40.000 auf rund 68.000 gestiegen. Dies sei ein Zuwachs von 70 Prozent. „Aufgrund dieser hohen Relevanz muss die Versorgung der Betroffenen deutlich besser werden“, forderte BARMER-Vorstandsvorsitzender, Prof. Dr. Christoph Straub, bei der Vorstellung des BARMER-Arztreportes auf einer Pressekonferenz Ende Februar in Berlin.

Schwerwiegende Defizite bei der Reizdarmbehandlung

Im Jahr 2017 hätten mehr als 130.000 Reizdarm-Patienten Computertomo-grafien (CT) und mehr als 200.000 Betroffene Magnetresonanztomografien (MRT) erhalten, obwohl sie bei dieser Diagnose von zweifelhaftem Nutzen seien. Rund 100.000 Personen bekämen opioidhaltige Schmerzmittel, bei denen eine Abhängigkeit drohe. Straub: „Menschen mit Reizdarmsyndrom leiden nicht an einer rein körperlichen Erkrankung. Das muss bei Diagnostik und Therapie stärker berücksichtigt werden.“ Nötig sei ein multidisziplinärer Behandlungsansatz, schließlich sei nicht allein der Darm das Problem.

ZITAT

BARMER-Arztreport 2019

„Die Versorgung der Betroffenen muss deutlich besser werden. Menschen mit Reizdarmsyndrom leiden nicht an einer rein körperlichen Erkrankung. Das muss bei Diagnostik und Therapie stärker berücksichtigt werden.“
Prof. Dr. med. Christoph Straub,
Vorstandsvorsitzender der BARMER

Odyssee bis zur klaren Diagnose

Besonderes Augenmerk richtet der BARMER-Arztreport auf den viel zu häufigen Einsatz bildgebender Verfahren. Gerade CT sollten aufgrund der hohen Strahlenbelastung nur zurückhaltend eingesetzt werden. Trotzdem hätten 9,2 Prozent der ambulanten und 5,6 Prozent der Fälle im Krankenhaus im Vorjahr bis zur Diagnose eine CT-Untersuchung erhalten. Ein ähnliches Bild zeigten die MRT, die sich ebenso wenig für die Diagnostik des Reizdarms eigneten. Trotzdem hätten im selben Zeitraum ambulant 17,1 Prozent und im Krankenhaus 3,2 Prozent der Fälle ein MRT erhalten. „Bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms ist es besonders wichtig, den ganzheitlichen Blick auf Körper und Geist zu richten. Eine reine Gabe von Medikamenten ist der falsche Ansatz“, sagte einer der Autoren des BARMER-Arztreports und Geschäftsführer des aQua-Instituts, Prof. Dr. Joachim Szecsenyi. Das sei vor allem wichtig, da viele der Betroffenen eine wahre Arzt-Odyssee durchlaufen würden, bevor sie die richtige Diagnose erhielten.

Einsatz von Magensäureblockern kann abhängig machen

In der üblichen Therapie der Betroffenen gibt es laut BARMER-Arztreport verschiedene zweifelhafte Ansätze, die nicht frei von Risiken sind. Demnach würden den Patientinnen und Patienten häufig Protonenpumpenhemmer, umgangssprachlich Magensäureblocker, verordnet. 38,6 Prozent, also rund 400.000 Betroffene, erhielten diese und somit 1,74-mal häufiger als nicht Erkrankte. „Es ist kritisch zu hinterfragen, dass so viele Menschen mit Reizdarmsyndrom Magensäureblocker erhalten“, so Szecsenyi. Eigentlich sollten sie zum Schutz des Magens gegen zu viel Magensäure eingesetzt werden. Der Nutzen bei einem Reizdarmsyndrom sei dagegen umstritten. Daher sollten sie nur dann über einen längeren Zeitraum verordnet werden, wenn eine medizinische Indikation bestehe. Aber auch opioidhaltige Schmerzmittel würden vergleichsweise häufig verschrieben und zwar an rund 100.000 Patienten und damit immerhin 44 Prozent mehr als in einer Vergleichsgruppe. Hier sei nicht nur die Wirkung fraglich, sondern auch das Risiko einer Medikamentenabhängigkeit gegeben. Damit werde den Menschen aber nicht wirklich geholfen.

Multidisziplinärer Ansatz bei Reizdarmsyndrom

Wer an einem Reizdarmsyndrom erkrankt ist, verursache den Reportergebnissen zufolge bereits acht Jahre vor der Erstdiagnose deutlich höhere Kosten als Vergleichspersonen, die diese Erkrankung nicht haben. „Die Betroffenen leiden mitunter schon viele Jahre an einem Reizdarmsyndrom und suchen deswegen immer wieder Hilfe beim Arzt. Die Erkrankung wird aber lange Zeit nicht erkannt, und die Betroffenen erhalten eine falsche Therapie“, betonte BARMER-Chef Straub. Wenn die Diagnose feststehe, stiegen die Behandlungskosten noch einmal deutlich an. Das läge auch an den bereits erwähnten Verfahren, die dann zum Einsatz kämen. Straub: „Es ist enorm wichtig, dass die Reizdarm-Patientinnen und

-Patienten die Behandlung erhalten, die sie brauchen.“ Ein multidisziplinärer Ansatz, in dem Hausärzte oder Internisten eng mit Schmerztherapeuten, aber auch zertifizierten Ernährungsexperten zusammenarbeiteten, sei unerlässlich. Nicht fehlen dürfe der Aspekt der Psychosomatik. Das Reizdarmsyndrom könne eben auch seelische Ursachen haben.

Mehr Informationen

Ausführliche Details und Hintergründe zum BARMER-Arztreport 2019 sind im BARMER-Presseportal hinterlegt. Fundierte medizinische Informationen zum Reizdarmsyndrom können Sie hier auf der BARMER-Homepage nachlesen.

Michaela Del Savio

Redakteurin, BARMER-
Unternehmenskommunikation

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