Versorgung

Verbindliche Qualitätsstandards für mehr Patientensicherheit

Eine wichtige Aufgabe des Verwaltungsrates der BARMER GEK ist es, sich für eine konsequente Qualitätssicherung in der medizinischen Versorgung einzusetzen. Sie ist Voraussetzung für ein hochwertiges Gesundheitssystem, in dem die Patientinnen und Patienten bestmöglich und wirtschaftlich versorgt werden. Soweit die Theorie. In der Realität zeigen sich jedoch erhebliche Unterschiede bei der Qualität der Gesundheitsversorgung. Eines der jüngsten Beispiel ist die Adipositas-Chirurgie.

Es ist ein natürlicher Prozess, dass gesellschaftliche Entwicklungen medizinische Konsequenzen nach sich ziehen. Doch gerade in der stationären Versorgung gibt es auch Tendenzen, die zumindest für Stirnrunzeln sorgen; etwa dann, wenn in deutschen Krankenhäusern beispielsweise immer mehr Knie- und Hüftgelenke implantiert werden, die Zahl der beschichteten Stents zur Behandlung verengter Herzkranzgefäße plötzlich boomt oder die Zahl der Bandscheiben-Operationen ansteigt, und bei denselben Patienten immer öfter innerhalb von ein bis zwei Jahren zusätzlich eine Versteifungsoperation folgt. Neben der Entwicklung an sich, ist zwischen einzelnen Kliniken auch ein deutliches Qualitätsgefälle erkennbar. Während etwa die besten Einrichtungen nach Hüft-Endoprothesen-Erstimplantationen praktisch keine postoperativen Wundinfektionen aufweisen, liegt diese Rate bei den schlechtesten Häusern schon bei fünf Prozent. Aus gutem Grund fordert der BARMER GEK Verwaltungsrat seit Jahren zum einen bundesweit verbindliche Qualitätsstandards in der medizinischen Versorgung und zum anderen mehr Möglichkeiten für Direktverträge mit ausgewählten Leistungserbringern, um Geld gezielt dahin zu steuern, wo Patientinnen und Patienten auch wirklich einen Nutzen haben.

Adipositas Chirurgie

Die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Adipositas-Chirurgie unterstreichen diese Forderung, denn auf das Gesundheitssystem kommen schwerwiegende Probleme zu. Wie in anderen Industrienationen auch werden die Menschen in Deutschland immer dicker. Und immer mehr fallen unter die Kategorie „adipös“, also krankhaft übergewichtig. Laut BARMER GEK Report Krankenhaus 2016 mussten sich allein im Jahr 2014 gut sieben Millionen Menschen wegen Adipositas in Praxen behandeln lassen und damit 14 Prozent mehr als noch im Jahr 2006. Für die Betroffenen bedeutet das häufig neben gesundheitlichen Problemen wie Bluthochdruck, Diabetes, Schlafstörungen oder Gelenkverschleiß auch eine soziale Isolation. Nach vielen gescheiterten Abnehmversuchen suchen immer mehr ihr Heil auf dem Operationstisch. So hat sich die Anzahl der sogenannten bariatrischen Operationen zwischen den Jahren 2006 und 2014 bei den BARMER GEK Versicherten auf 1.070 Fälle mehr als versechsfacht, bei allen gesetzlichen Krankenkassen auf 9.225 Eingriffe mehr als verfünffacht. Die Hoffnung auf ein im doppelten Wortsinn leichteres Leben verdrängt die Gedanken an mögliche Risiken eines solchen Eingriffs. Dabei ist schon die Narkose für Übergewichtige riskanter als für Normalgewichtige. Und häufige Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislaufprobleme lassen zusätzlich das Risiko für Infektionen und andere Komplikationen ansteigen.

Adipositas-ChirurgieNur in zertifizierten Kliniken

Deshalb sollten Betroffene nach Ansicht des BARMER GEK Verwaltungsrats erst dann eine bariatrische Operation in Betracht ziehen, wenn wirklich alle konservativen Methoden ausgeschöpft und die Grenzen einer ambulanten Versorgung erreicht sind. Aber wenn ein so schwerwiegender Eingriff tatsächlich als Ultima Ratio zum Einsatz kommt, sollte er unbedingt in einem nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) zertifizierten Adipositatszentrum erfolgen. Doch hier offenbart ein Blick auf die Zahlen das nächste dicke Problem: Von den bisher rund 350 Krankenhäusern, die in Deutschland bariatrische Operationen anbieten, sind gerade einmal 44 DGAV-zertifiziert. Das bedeutet, dass die Operateure an diesen Zentren nach den Vorgaben der Fachgesellschaft besonders qualifiziert und die Kliniken entsprechend gut ausgerüstet sind. So sind die Komplikationen bei einem bariatrischen Eingriff in einer zertifizierten Klinik nachweislich geringer als in einem herkömmlichen Krankenhaus. Und das Sterberisiko ist sogar um 15 Prozent reduziert. Für den BARMER GEK Verwaltungsrat ist deshalb klar, dass nur DGAV-zertifizierte Kliniken solche Eingriffe durchführen sollten – zum Wohle der Patientinnen und Patienten.

Auf ein Wort

Kommentar von Holger Langkutsch,
Vorsitzender des Verwaltungsrates

„Endoprothetik, Behandlung koronarer Herzerkrankungen, Rückenoperationen und jetzt also Adipositas-Chirurgie – das Thema Qualitätssicherung in der stationären Versorgung ist ein Dauerbrenner und häufig an die Frage einer Überversorgung in einem bestimmten medizinischen Bereich gekoppelt. Gerade das jüngste Beispiel zeigt, wie dringend notwendig bundesweit einheitliche Qualitätsstandards einerseits und das Verhindern einer drohenden Überversorgung andererseits sind. Schließlich stehen wir hier erst am Anfang einer Entwicklung. Das sprichwörtliche dicke Ende kommt erst noch.

Wie schwerwiegend das Problem für das Gesundheitssystem werden kann, zeigen schon die aktuellen Zahlen. Bundesweit mussten sich im Jahr 2014 sieben Millionen Menschen wegen Adipositas behandeln lassen, mehr als 9.000 haben sich zwischen 2006 und 2014 einem bariatrischen Eingriff unterzogen. Angesichts dieser Entwicklung müssen zwei Fragen erlaubt sein. Waren all diese Operationen medizinisch notwendig? Und unterlagen sie medizinisch angemessenen Qualitätsstandards? Tatsache ist, Adipositas-Chirurgie ist für Kliniken ein lukratives Geschäft. Da kann die Tendenz zu immer mehr Eingriffen schnell einen schalen Beigeschmack bekommen.

Als gesetzliche Krankenkasse muss die BARMER GEK darauf achten, dass bariatrische Operationen nicht nur aus Lifestyle-Gründen durchgeführt werden. Schließlich handelt es sich hier nicht um einen harmlosen Eingriff, sondern um eine schwerwiegenden, nicht mehr rückgängig zu machende Operation an einem eigentlich funktionierenden Körper. Oftmals sind Präventions- und Behandlungsprogramme, wie sie auch die BARMER GEK anbietet, noch nicht ausgereizt. Führt kein Weg an einer solchen Operation vorbei, kann es nur im Interesse aller Beteiligten liegen, dass sie in einem von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie zertifizierten Adipositas-Zentrum durchgeführt wird. Nur die dort geltenden hohen Qualitätsstandards der Fachgesellschaft garantieren den Patientinnen und Patienten ein Höchstmaß an Sicherheit. Deshalb muss es das Ziel sein, dass sich mehr Kliniken DGAV-zertifizieren lassen.“

 

Claudia Rembecki

Redakteurin, BARMER Unternehmenskommunikation

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