BARMER-Pflegereport 2018
Versorgung

BARMER-Pflegereport 2018

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Dem Pflegenotstand in Deutschland droht nicht nur durch den Fachkräftemangel eine dramatische Verschärfung. Laut dem aktuellen BARMER-Pflegereport stehen 185.000 von rund 2,5 Millionen Personen, die heute Angehörige zu Hause pflegen, kurz davor, diesen Dienst einzustellen. 6,6 Prozent, also 164.000 Personen, wollen nur mit mehr Hilfe weiter pflegen, knapp ein Prozent will dies auf keinen Fall länger tun.
Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen Befragung unter mehr als 1.900 pflegenden Angehörigen. Demnach wünschen sich fast 60 Prozent der Befragten außerdem weniger Bürokratie bei der Beantragung von Leistungen. „Schon in Kürze wird es deshalb bei der BARMER möglich sein, den Hauptantrag für Pflegeleistungen auf einfache und unkomplizierte Weise online zu stellen“, unterstreicht Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Christoph Straub bei der Vorstellung des aktuellen BARMER-Pflegereports in Berlin.

ZITAT

BARMER-Vorstandsvorsitzender - Prof. Dr. Christoph Straub

„Ohne pflegende Angehörige geht es nicht. Es ist höchste Zeit, dass sie schon frühzeitig besser unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden.“

Prof. Dr. Christoph Straub,
Vorstandsvorsitzender der BARMER


BARMER-Pflegereport: Betroffene in ihrer Rolle gefangen
In Deutschland gibt es nach dem aktuellen BARMER-Pflegereport rund 2,5 Millionen pflegende Angehörige, darunter rund 1,65 Millionen Frauen. Nur ein Drittel aller Betroffenen geht arbeiten, jeder Vierte aber hat seine Arbeit aufgrund der Pflege reduziert oder ganz aufgeben müssen. Die Pflege bestimmt bei 85 Prozent der Betroffenen tagtäglich das Leben. Die Hälfte von ihnen kümmert sich sogar mehr als zwölf Stunden täglich um die pflegebedürftige Person. „Viele pflegende Angehörige sind an der Grenze der Belastbarkeit angekommen. Fast 40 Prozent von ihnen fehlt Schlaf, 30 Prozent fühlen sich in ihrer Rolle als Pflegende gefangen, und jedem Fünften ist die Pflege eigentlich zu anstrengend. Nicht von ungefähr wünschen sich 60 Prozent der pflegenden Angehörigen Unterstützung bei der Pflege“, sagt der Autor des BARMER-Pflegereports, Prof. Heinz Rothgang von der Universität Bremen. Allerdings finde mehr als die Hälfte der Haupt-Pflegepersonen niemanden, um sich für längere Zeit vertreten zu lassen.

 

Hilfsangebote aus Qualitäts- und Kostengründen nicht genutzt
Wie aus dem BARMER-Pflegereport außerdem hervorgeht, nehmen knapp 440.000 pflegende Angehörige Kurzzeitpflege und je knapp 380.000 Personen die Tagespflege sowie Betreuungs- und Haushaltshilfen nicht in Anspruch. Dies begründen sie neben einem fehlenden Angebot hauptsächlich mit Zweifeln an der Qualität und den Kosten. „Es ist alarmierend, dass fast jede fünfte Haupt-Pflegeperson Zukunfts- und Existenzängste hat. Deshalb ist es auch richtig, dass die Bundesregierung die Kurzzeit- und Verhinderungspflege in einem jährlichen Entlastungsbudget für Pflegebedürftige zusammenführen möchte“, betont Straub. Aus Sicht der BARMER sollten die Entlastungsleistungen von aktuell 125 Euro monatlich ebenfalls in ein jährliches Entlastungsbudget einbezogen werden. Damit könnten auch die Eigenanteile zum Beispiel für einen Aufenthalt in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung deutlich reduziert werden. „Wir begrüßen zudem, dass eine weitere Erleichterung für Pflegebedürftige ab Pflegegrad 3 geplant ist. Künftig soll für Krankenfahrten zum Arzt für diese Schwerkranken keine Genehmigung der Krankenkasse mehr nötig sein. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung weniger Bürokratie“, sagt Straub weiter. Es sei gut, dass die Menschen hier wieder ein Stück entlastet würden.

 

Haupt-Pflegepersonen sind häufiger krank
Pflegende Angehörige sind derweil vergleichsweise häufig krank. So leiden 54,9 Prozent von ihnen unter Rückenbeschwerden und 48,7 Prozent unter psychischen Störungen. Bei Personen, die niemanden pflegen, trifft dies nur auf 51,3 Prozent beziehungsweise 42,5 Prozent zu. „Je kränker und belasteter Haupt-Pflegepersonen sind, desto stärker ist ihr Drang, sich über Unterstützungsmöglichkeiten zu informieren. So sind es bei guter Gesundheit rund 70 Prozent, die die Entlastung durch Kurzzeitpflege nicht kennen oder keinen Bedarf dafür haben. Ist die Gesundheit schlechter, sinkt dieser Prozentsatz auf 58,3 Prozent“, sagt Rothgang. Dabei solle Hilfe so früh wie möglich genutzt werden, denn dann wirke sie am besten. Dazu sei nicht nur eine umfassende, frühzeitige Beratung durch Pflegeexperten wichtig, sondern auch ein niedrigschwelliger Zugang zu den Unterstützungsleistungen, betont der Pflegeexperte. „Haupt-Pflegepersonen sollen nicht nur für ihren Angehörigen, sondern auch für sich die Hilfe bekommen, die ihnen den Alltag erleichtern kann. Deshalb bietet die BARMER für ihre Versicherten kostenlos das Seminar „Ich pflege – auch mich“ an. In mehreren Modulen lernen die Teilnehmer unter anderem, wie sie sich trotz der anstrengenden Pflegesituation entlasten können“, ergänzt BARMER-Chef Straub.

 

Weitere Informationen zum Thema

> Mehr zu den umfangreichen Entlastungs-Angeboten
für pflegende Angehörige können Sie hier nachlesen!

> Das folgende BARMER-Video gibt einen Überblick,
welche Leistungen Pflegebedürftige oder pflegende
Angehörige bekommen können:

Michaela Del Savio

Redakteurin, BARMER
Unternehmenskommunikation

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Kommentar
  1. Seit einiger Zeit engagiert sich der Verein „Pflegende Angehörige e.V.“, dessen Vorsitzende ich bin, mit seiner P17-Kampagne genau für die Problematik, die im BARMER-Pflegereport angesprochen wird. Diese wird im Rahmen des Demografischen Wandels noch größere Probleme mit sich bringen und eine Lösung muss angegangen werden. Wir gehen jetzt schon durch zeitgleiche 16 Petitionen an jedes Bundesland und eine an Hr. Spahn (P17) in Richtung Lösung. (Mit weiterem ZIEL eines Entlastungsbudgets). Im Koalitionsvertrag wurde dies schon beschlossen, jedoch in der Form wird es finanziell nicht machbar sein und unter den Tisch fallen. Hier setzen wir mit unserem Engagement an.
    Es geht um Verbesserungen der sehr verschiedenen Landesverordnungen für „Angebote zur Unterstützung im Alltag“, die zu einem hohen Standard einheitlich angepasst werden müssen, der die größtmögliche Entlastung für Pflegende Angehörige bietet.
    Auch gilt unser Einsatz der Verbesserung des Zugangs von Wissen, der Pflegeberatung.

  2. Bin seit ca 13 Jahren pflegende Angehörige. Es war nie leicht weder physisch noch psychisch. Dieses Jahr ist mal wieder ein besonders schlimmes. Der zu Pflegende war von Februar bis Anfang August mit Klinikaufenthalten sowie Geriatrie und Reha ausgelastet. Da ja bekanntlich in den Häusern das Pflegepersonal fehlt und auf kognitiv eingeschränkte Personen so nicht eingegangen werden kann und sie auch in der Reha (Klinik in Marmagen) total fehl am Platz waren, hatte ich sehr viel zu tun und zu fahren. Und dadurch auch hohe Kosten. Allein für ein Einzelzimmer wobei ich das behindertengerechte Bad wünschte mussten wir in Marmagen über 1000,- € dazuzahlen, sonst hätte es nur ein Bad mit Wanne gegeben. Hätte der zu Pflegende gar nicht benutzen können, weil er nur Rollstuhl und im Zimmer Rollator nutzen kann. Es ist schon ein Unding, dass die Kliniken das fordern dürfen. Eine andere Geschichte ist der Entlassungsbrief… der war so daneben, dass selbst der MDK nur mit dem Kopf geschüttelt hat und es eine Unmöglichkeit nannte.

    Es gibt noch viele solcher Geschichten und Ungerechtigkeiten, sodass ich ein Buch drüber schreiben könnte.

    ABER:
    Ich bin als pflegende Angehörige jetzt selbst sehr sehr schwer (chemo steht an) erkrankt und nicht mehr in der Lage ihn zu versorgen.
    Wir haben für dieses Jahr VHP und KZP verbraucht… und nun….

    Ich werde den benötigten Heimaufenthslt selbst zahlen müssen, wenn nicht ein Wunder geschieht.

    Dafür habe ich durch häusliche Pflege in den letzten 13 Jahren der Pflegekasse sehr viel Geld eingespart…. wahrscheinlich viel mehr, als es jetzt kosten würde, bis ich, so Gott es will, die Pflege wieder übernehmen kann, wenn auch nur mit Hilfe.

    Dies war ein kleiner Einblick in die grossen Sorgen von pflegenden Angehörigen…
    lg Heidi

    1. Guten Tag Frau Roth,
      vielen Dank für Ihren Beitrag zum Artikel über den BARMER Pflegereport 2018 und die bewegende Darstellung Ihrer persönlichen Situation. Uns ist bewusst, dass pflegende Angehörige jeden Tag Enormes leisten und weit über ihre Belastungsgrenze hinausgehen.
      Die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung sind leider begrenzt. Nach Meinung unserer Experten könnte jedoch in Ihrer nun anstehenden Situation die Möglichkeit bestehen, dass für den von Ihnen betreuten Pflegebedürftigen vollstationäre Pflegeleistungen gezahlt werden können, wenn eine Versorgung in einem Pflegeheim erfolgt.
      Bitte haben Sie Verständnis, dass wir im BARMER E-Magazin an dieser Stelle keine weiteren Details erörtern und allein schon aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Einzelfallprüfung vornehmen. Hierzu stehen Ihnen die BARMER-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter vor Ort gerne zur Verfügung.
      Es besteht außerdem immer die Möglichkeit, eine umfassende und gesetzlich verankerte Pflegeberatung in Anspruch zu nehmen. Mehr Informationen hierzu erfahren Sie zum Beispiel auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums: Bitte hier klicken!

  3. Folgendes müßte noch verbessert werden: Wenn man schwerstpflegebedürftige Angehörige zu hause pflegt und man schafft es nicht mehr alleine, kann man einen Pflewgedienst kommen lassen. Aber dafür wird dann anteiliig das Pflegegeld gekürzt, z.t. bis nichts mehr davon übrigbleibt. Der Pflegende hat aber nach wie vor den Rest der Tages-und Nachtbetreuung zu leisten, denn der Pflegedienst kommt ja nur kurze Zeit zur <2Sauberjeitspflege". Dazu kommt noch, dass man noch Pflegeprodukte kaufen muß, die nicht im Hilsmittelkatalog drin sind. Wenn dann noch jemand auf das Pflegegeld angewiesen ist, weil die Rente nicht ausreicht, oder weil man den Beruf aufgeben mußte, man vielleicht Harz 4 bezieht, stehen diese Menschen vor dem finanziellen Ruin. Solange jemand zu Hause gepflegt wird und nicht ins Heim kommt, spart die Pflegekasse die monatlichen Kosten ür das Heim und, wenn derjenige das Geld zum Draufzahlen nicht hat, entstehen dem Sozialatm noch Kosten bzw. wird es aus Steuermitteln finanziert. Deshalb muß man sich dafür einsetzen, dass die Pflegleistungen nicht am Pflegegeld abgezogen werden, sondern extra bezahlt werden. Denn die , die ihre Angehörigen zu Hause pflegen, sollten nicht noch bestraft werden, weil sie die Körperpflege nicht mehr allein bewältigen können. Ich weiß ,wovon ich rede, mein Mann ist schwer dement mit Pflegegrad 4.

    1. Guten Tag Frau Pawlitschko,

      vielen Dank für Ihren Beitrag zum Schwerpunktthema des „BARMER-Pflegereport 2018“ sowie die eindrückliche Schilderung ihrer privaten Situation. Derzeit sind die Leistungen der Pflegeversicherung vom Gesetzgeber so geregelt, dass keine volle Übernahme durch die BARMER-Pflegekasse erfolgen kann. Allerdings können grundsätzlich in der häuslichen Pflege mehr Leistungen abgerufen werden als in einem Pflegeheim. Neben dem Abruf von Pflegeeinsätzen durch einen ambulanten Pflegedienst können bei Vorliegen des Pflegegrades 4 auch Leistungen in einer Tagespflegeeinrichtung in Höhe von bis zu 1.612,00 Euro monatlich in Anspruch genommen werden. Bei einer Inanspruchnahme der Tagespflege erfolgt keine Anrechnung des Pflegegeldes.
      Somit könnte laut unserer Experten für Sie gegebenenfalls die Möglichkeit bestehen, die Inanspruchnahme eines ambulanten Pflegedienstes und einer Tagespflegeeinrichtung zu kombinieren. Zur Erörterung Ihrer persönlichen Situation bitten wir auch Sie sich an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort zu wenden, die Ihnen gerne weiterhelfen. Als Redaktion können wir weiterführende individuelle Leistungsanfragen leider nicht beantworten.

  4. Ich finde den Infobeitrag super. Wenn ich diese Info schon etwas früher veröffentlicht worden wäre, hätte ich Ihr Servictelefon nicht so
    oft belästigen müssen.
    Diesen Artikel sollte man an alle pflegenden Personen versenden.
    Es ist manchmal sehr mühevoll, neben der Pflegearbeit, die neuesten Infos zu erhalten.
    Die Zeit fehlt sich immer mit diesem Thema zu beschäftigen.
    Für mich war der obige Bericht sehr hilfreich.
    Es wäre sehr schön, wenn es irgendwelche Änderungen geben wird, diese zeitnah ebenso zu veröffentlichen.