Gesundheit

Mammographie-Screening:
„Eine Entscheidung muss jede Frau für sich selbst treffen“

Mammographie – Ja oder Nein? Spätestens wenn die Einladung für die Röntgen-Untersuchung zur Brustkrebs-Früherkennung ins Haus flattert, stellen sich in Deutschland Frauen um die 50 diese Frage. Denn die Teilnahme an der gesetzlichen Reihenuntersuchung ist freiwillig und birgt – wie so vieles im Leben – Chancen und Risiken. Als erste Krankenkasse stellt die BARMER GEK nun im Internet ein webbasiertes Beratungsangebot zur Verfügung, das Frauen bei dieser Entscheidung unterstützen soll.
Im April wurde im BARMER GEK Online-Magazin bereits darüber berichtet. Doch was können Frauen nun wirklich von dem neuen Angebot erwarten? Das interessierte auch unsere Leserinnen und Leser. Im Interview spricht Professor Dr. Petra Kolip über Zielsetzung, Nutzungsmöglichkeiten und falsche Erwartungen. In Deutschland werden jährlich etwa 700.000 Frauen nach ihrem 50. Geburtstag zum ersten Mal zum Mammographie-Screening eingeladen.

Frau Professor Kolip, Sie haben an der Uni Bielefeld die Online-Entscheidungshilfe zum Mammographie-Screening mitentwickelt und ihre Wirksamkeit erforscht: Was kann das neue webbasierte Angebot tatsächlich leisten und wo sind die Erwartungen möglicherweise zu hoch gegriffen?

Als wir gemeinsam mit der BARMER GEK die Online-Entscheidungshilfe zum Mammographie-Screening konzipiert haben, war es unser Ziel, Frauen zum einen eine wissenschaftlich fundierte Informationsgrundlage an die Hand zu geben, die sachlich und neutral Nutzen und Risiken gegenüberstellt, die eine solche Reihenuntersuchung mit sich bringen kann. Aktuelle Studien zeigten nämlich, dass der Wissensstand relativ gering ist und die Möglichkeiten des Mammographie-Screening-Programms häufig überschätzt werden. Laut Gesundheitsmonitor von BARMER GEK und Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2014 sind zum Beispiel rund die Hälfte aller befragten deutschen Frauen unzureichend oder falsch über das Screening informiert. So glaubt beispielsweise nach wie vor noch rund ein Drittel, dass die Teilnahme am Mammographie-Screening-Programm gänzlich vor Brustkrebs schützen kann.  Zum anderen wollten wir bei der Konzeption aber auch den Entscheidungsprozess an sich gezielt unterstützen und Frauen dabei helfen, eine informierte Entscheidung zu treffen. Wie diese dann ausfällt, das muss wiederum jede Frau für sich selbst festlegen und das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die einem von keinem noch so guten Arzt oder Instrument abgenommen werden kann.

 

Interview zum Mammographie-Screening-Programm (MSP) Eine Mammographie ist eine spezielle Röntgenuntersuchung der weiblichen Brust, bei der in der Regel von jeder Brust zwei Aufnahmen aus unterschiedlichen Richtungen gemacht werden. Um die Aussagekraft der Ergebnisse zu erhöhen und die Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten, wird die Brust dabei auf dem (Röntgen)Gerät zwischen zwei Platten flach zusammengepresst, was einige Frauen als äußerst unangenehm und schmerzhaft empfinden. Beim Mammographie-Screening wird die Untersuchung von besonders geschulten Röntgenassistentinnen durchgeführt und die Aufnahmen von mindestens zwei Fachärzten begutachtet. Das Ergebnis erhalten die teilnehmenden Frauen per Post innerhalb von sieben Werktagen. Bei Auffälligkeiten werden sie gleichzeitig zu einer weiteren abklärenden Untersuchung eingeladen.

 

Gibt es Alternativen zum Mammographie-Screening-Programm (MSP)?

Kolip: Die Idee des Screenings ist es, dass Frühstadien von Brustkrebs häufiger erkannt werden und unter Umständen auch schonender behandelt werden können. Eine Ultraschall-Untersuchung ist hier keine Alternative, weil diese Untersuchungsmethode weniger Erfolg versprechend wäre. Frauen sollten bei ihrer Entscheidung aber auch mögliche Risiken nicht außer Acht lassen: Beim Mammographie-Screening kann nämlich zunächst fälschlicherweise Brustkrebs diagnostiziert werden. Ein Verdacht, der sich dann meist bei weiteren Untersuchungen als unbegründet herausstellt. Die betroffenen Frauen müssen sich jedoch erst einmal mit der (lebens)bedrohlichen Diagnose auseinandersetzen und eine Fehldiagnose geht mit psychischen und körperlichen Belastungen einher.

 

Welche weiteren Risiken sollten Frauen kennen, bevor sie sich zur Teilnahme am Mammographie-Screening-Programm entscheiden?

Kolip: Es kann auch vorkommen, dass Krebsvorstufen entdeckt und behandelt werden, die so langsam wachsen, dass sie zu Lebzeiten zu keinerlei Beschwerden geführt hätten. Andererseits kann durch das Mammographie-Screening-Programm nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass sich zwischen zwei Untersuchungsterminen nicht dennoch ein Tumor bildet oder aber trotz Screening unentdeckt bleibt. Auch die regelmäßige Tastuntersuchung beim Gynäkologen – oder aber auch private Leistungen wie sie im Internet durch speziell ausgebildete blinde oder sehbehinderte Frauen angeboten werden –, kann bildgebende Verfahren wie die Mammographie nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen. Darin sind sich die meisten Onkologen beziehungsweise Brustkrebsspezialisten einig und auch in den aktuellen medizinischen Leitlinien wird dies nicht empfohlen. Ausschlaggebend bleibt meines Erachtens nach wie vor, dass Frauen eine individuelle Entscheidung treffen und alle Fakten sowie die Vor- und Nachteile für sich persönlich gegeneinander abwägen und bewerten.

Interview zum Mammographie-Screening-Programm (MSP) Mit dem Ziel die Brustkrebs-Sterblichkeit in Deutschland langfristig zu senken wurde 2002 das Mammographie-Screening-Programm (MSP) vom Deutschen Bundestag beschlossen. Seit 2009 ist die Reihenuntersuchung zur Brustkrebs-Früherkennung in allen Bundesländern umgesetzt. Regelmäßig werden alle zwei Jahre Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren dazu eingeladen. Damit richtet sich das MSP deutschlandweit an mehr als zehn Millionen Frauen. Die Teilnahme ist freiwillig. Bisher entscheiden sich im Schnitt etwa 54 Prozent aller deutschen Frauen für diese regelmäßige Röntgenuntersuchung der Brust. Die Kosten hierfür betragen jährlich rund 220 Millionen Euro und werden von den Krankenkassen getragen. Durchgeführt werden die Untersuchungen in speziellen radiologischen Zentren. Bundesweit gibt es insgesamt 94 solcher zertifizierten Screening-Einheiten und nochmals 17 sogenannte zentrale Stellen, die für die Organisation (Einladung und Terminvereinbarung) zuständig sind. Federführend auf Bundesebene ist die Kooperationsgemeinschaft Mammographie, die vor allem auch die Qualitätssicherung überwacht.

Wodurch kann die Entscheidung darüber hinaus noch beeinflusst werden?

Kolip: Sicherlich spielen auch individuell wahrgenommene Risiken – wie beispielsweise mangelnde Bewegung, Übergewicht oder die Einnahme von Hormonen in den Wechseljahren – eine wichtige Rolle. Für Frauen mit erblicher oder familiärer Vorbelastung ist das Mammographie-Screening allerdings nicht gedacht. In diesem Fall greifen andere Früherkennungsmaßnahmen. (Für mehr Infos bitte hier klicken)
Insgesamt kann also die Online-Entscheidungshilfe den Prozess unterstützen. Das haben unsere Wirksamkeitsstudien gezeigt. Leichter wird die Entscheidung dadurch jedoch nicht. Denn es gibt kein Schwarz und kein Weiß, keine richtige und keine falsche Entscheidung. Das muss jede Frau für sich selbst herausfinden.

Warum gibt es nun aber beim MSP eine Altersbeschränkung? In Deutschland werden nur Frauen zwischen 50 und 69 Jahren zur Mammographie-Reihenuntersuchung eingeladen.

Kolip: Ausschlaggebend war hier eine ganz klare Nutzen-Risiko-Abwägung: Brustkrebs tritt bei jüngeren Frauen wesentlich seltener auf als bei Frauen, die älter als 50 Jahre sind. Zudem ist das Brustgewebe in jungen Jahren meist dichter und kann deshalb mittels Röntgenstrahlen weniger gut durchleuchtet werden. Die Folge sind häufigere Fehldiagnosen, weil die Treffsicherheit der Mammographie herabgesetzt ist. Die obere Altersgrenze wurde festgelegt, weil Frauen über 69  – statistisch gesehen – öfter von anderen Krankheiten betroffen sind als von Brustkrebs. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie an anderen Krankheiten sterben, ist in diesem Alter ebenfalls höher als die Todesursache Brustkrebs. Unabhängig jedoch von der gesetzlichen Reihenuntersuchung haben Frauen in jedem Alter bei Verdacht auf Brustkrebs einen Anspruch auf eine Mammographie-Untersuchung.    

Prof. Dr. Petra Kolip (Jg. 1961) lehrt an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld und als Gastdozentin an deutschschweizer Unis im Bereich Public Health, Health Communication und Angewandte Gesundheitswissenschaft. Nach ihrem Psychologiestudium und verschiedenen Tätigkeiten, unter anderem an der TU Berlin, der Uni Bremen sowie dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich, übernahm sie 2009 die Professur für Prävention und Gesundheitsförderung an der Universität Bielefeld und arbeitet zu Themen wie beispielsweise Evidenzbasierung und Qualitätsentwicklung in gesundheitsbezogenen Interventionen sowie Kinder- und Jugendgesundheit.

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Wer den Basis-Artikel über die Entscheidungshilfe Mammographie-Screening im BARMER GEK Online-Magazin noch nicht gelesen hat und deshalb auch die Kommentare verschiedener Leserinnen und Leser noch nicht kennt, der kann sich hier einen Überblick verschaffen. Auf der BARMER GEK Homepage ist es außerdem möglich, das neue interaktive Online-Angebot auch direkt einmal auszuprobieren und zu bearbeiten. Hierzu einfach auf den folgenden Link klicken:

Zur BARMER GEK Online-Entscheidungshilfe 

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