Startseite Gesundheit Bewegung In der Ruhe liegt die Kraft: Qigong und Tai Chi
Gruppe übt Qigong im Freien.

Wunschthema
In der Ruhe liegt die Kraft: Qigong und Tai Chi

Als ich Anfang der 1980er Jahre das erste Mal einer Tai Chi-Gruppe in einem Pariser Park fasziniert beim Training zusah, muteten die gleichsam fließenden, teils eckigen Bewegungsmuster noch seltsam fremd an. Es war die Zeit, als die fernöstlichen Bewegungskünste auch in Europa allmählich in Mode kamen. Mittlerweile haben Qigong und Tai Chi auch in unseren Breiten eine große Anhängerschaft erobert. Kein Wunder. Geht es doch bei diesen asiatischen Bewegungsformen um viel mehr als nur Bewegung. Wohl auch deshalb wählten unsere Leserinnen und Leser mehrheitlich dieses Wunschthema.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Qigong und Tai Chi haben ihre Wurzeln in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Im Zentrum steht die Förderung positiver Lebensenergie Qi (oder Chi), die wie ein Fluss den Körper durchströmt. „Gong” bedeutet soviel wie Arbeit oder Übung.
Die Ausgewogenheit oder Disbalance des Qi, so die Lehre, entscheidet über Wohlbefinden oder Krankheit. Je harmonischer das Chi fließt, desto besser kann die Energie für verschiedene Bereiche mobilisiert werden: beispielsweise zur bewussten Entspannung, ergänzend zu einer Therapie, im Sport – oder auch in der Kampfkunst Tai Chi. Hier wird die Energie vor allem dazu eingesetzt, die optimale Körperbeherrschung für die einzelnen Bewegungssequenzen zu entwickeln. QiGong ist älter als Tai Chi und umfasst ein breiteres Spektrum aus Bewegungs-, Meditations-, und Konzentrationsübungen, die teils auf eine mehr als tausend Jahre alte Tradition zurückgehen. Tai Chi hingegen ist ursprünglich als Kampfkunst konzipiert, enthält auch Elemente des Qigong, arbeitet aber vorranging mit Bewegungselementen, die (im übertragenen Sinne) Techniken zu Angriff, Verteidigung, Strategie und Taktik vermitteln.

2 Frauen praktizieren Qigong-Übungen am Meer

Qigong (auch Qi Gong oder Chi Gong)…

…gilt als besonders sanfte Trainingsmethode, die aber mehr bewirken soll, als nur die Beweglichkeit zu verbessern. Qigong kombiniert Atem-, Konzentrations- und Bewegungsübungen. Dieser Dreiklang soll auch den Kreislauf, das Immunsystem sowie Gesundheit und Wohlbefinden im Allgemeinen stärken. Es gibt eine große Vielzahl von Übungen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, die teils sowohl im Sitzen, Liegen, Gehen oder Stehen ausgeführt werden können. „Dieses große Spektrum und die geradezu meditative Langsamkeit, mit der die Übungen durchgeführt werden, machen Qigong für Menschen nahezu jeden Alters nutzbar, insbesondere auch für jene, deren Gesundheit bereits etwas angeschlagen ist”, sagt Klaus Möhlendick, Sportwissenschaftler bei der BARMER. Er ergänzt: „Gerade, weil die Übungen sehr konzentriert erfolgen und neben der Abfolge von Bewegungsmustern auch Atemtechniken und bewusste innere Einkehr verlangen, gilt Qi Gong als besonders effektiv. Allerdings muss man sich auch ganz darauf einlassen, um die positiven Effekte zu erzielen.”

Regelmäßig und intensiv

Die Wirkung, die Qigong nachgesagt wird, kann sich nur entfalten, wenn man sich Zeit für die Übungen nimmt und sie regelmäßig praktiziert. Empfohlen wird tägliches, zumindest aber zweimal wöchentliches Training, von jeweils 30 bis 45 Minuten. Hektik und Stress sollten dabei außen vor bleiben. Bei den Qigong-Übungsformen ist es wichtig keinen Zeitdruck zu haben, damit man sich voll darauf konzentrieren kann. Nach traditionellem Verständnis vereinen die Übungen Atmung und nach innen gerichtete Konzentration, mit fließenden, präzisen Bewegungsmustern – mit dem Ziel, die Lebensenergie (Qi) frei fließen zu lassen und die äußere Bewegung mit der inneren Ruhe zu vereinen. Um dieses Ziel zu erreichen, eignet sich die Kombination unterschiedlicher Übungsformen, etwa zur Körperhaltung, Atemübungen und zur meditativen Konzentration. Die Grundpositionen sind leicht zu erlernen und können fast überall praktiziert werden. Aber auch für das Erlernen der Basisübungen gilt: In der Ruhe liegt die Kraft. Möhlendick: „Bei den asiatischen Bewegungskünsten ist es wichtig, die Abläufe genau zu erlernen und mit der Atmung zu harmonisieren. Gerade weil es auf Präzision ankommt, sollten Anfänger zunächst mit einem professionellen Lehrer arbeiten.”

Klaus Möhlendick, Dipl.-Sportwissenschaftler, BARMER Gesundheitsexperte

Gerade, weil die Übungen sehr konzentriert erfolgen und neben der Abfolge von Bewegungsmustern auch Atemtechniken und bewusste innere Einkehr verlangen, gilt Qi Gong als besonders effektiv. Allerdings muss man sich auch ganz darauf einlassen, um die positiven Effekte zu erzielen.

Klaus Möhlendick, Diplom-Sportwissenschaftler bei der BARMER

Tai Chi (auch Tai Chi Chuan oder Taijiquan)…

…bedeutet frei übersetzt „höchste Kampfkunst”.  Ebenso wie beim Qigong gibt es beim Tai Chi unterschiedliche Stile und Formen, die im Laufe der Zeit entwickelt wurden. Auch wenn Kampf und Selbstverteidigung beim Tai Chi heutzutage weniger im Vordergrund stehen als Gesundheitsaspekte, so geht doch jede Bewegung im Ursprung auf die  Kampfkunst zurück.

Bewegung neu erlernen

Tai Chi zu erlernen, erfordert Geduld und Offenheit für neue, ungewohnte, ebenfalls meist langsame Bewegungsabläufe, die es in der „westlichen” Sport- und Fitnesswelt so nicht gibt. Am Anfang steht das Einüben festgelegter Bewegungssequenzen, sogenannter Bilder oder Figuren. Dabei geht es zunächst um die detaillierte Auseinandersetzung mit einzelnen Bewegungsmustern: Wann und wie werden die Schritte gesetzt, wie und wohin das Gewicht verlagert, in welcher Weise kommen dazu die Arme ins Spiel und wann welche Drehungen? Es geht auch darum, Bewegung völlig neu zu denken. Denn beim Tai Chi steuert und achtet man aus der Körpermitte heraus auf langsame, fließende, bewusst entspannt ausgeführte Bewegungen.
Sportwissenschaftler Möhlendick: „Solche Choreografien zu erlernen, ist nicht ganz einfach, fördert aber unter anderem das Koordinations- und Erinnerungsvermögen, die Konzentration und den Gleichgewichtssinn.” Auch für das körperliche Wohlbefinden werden Tai Chi zahlreiche positive Wirkungen zugeschrieben: etwa bei Rückenschmerzen und Verspannungen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und Verdauungsproblemen.

Gruppe übt Qigong im Freien.

Alles fließt

Dass auch beim Tai Chi die bewusste Atmung eine zentrale Rolle spielt, versteht sich fast von selbst. In Kombination mit den fließenden Bewegungen wird die Atmung tiefer und ruhiger, empfindet der Übende mehr und mehr Entspannung und erreicht nach längerem Training   – so heißt es – mehr Beweglichkeit der Gelenke sowie Stärkung der Muskeln, Sehnen und Bänder –  und somit eine insgesamt bessere Körperhaltung.
Ebenso wie beim Qigong wird auch dem Tai Chi für ein hohes Maß an Entspannung und ausgleichender Wirkung nachgesagt – und damit letztlich mehr Gesundheit und Lebensfreude. Die Übungen ersetzen zwar keine medizinische Behandlung, können aber präventiv und therapieunterstützend eingesetzt werden.

Wo und wie trainieren?

Wie schon erwähnt, sollten Anfänger zunächst zertifizierte Qi Gong- und Tai Chi-Kurse mit qualifizierten Trainern besuchen. Diese Gesundheitskurse werden auch von der BARMER bezuschusst und dürfen inzwischen auch als Onlinekurse angeboten werden.
Hier geht es zur Gesundheitskurssuche.

Mehr Infos

Das Wunschthema kann nur einen kleinen Ausschnitt aus der faszinierenden Welt der chinesischen Bewegungskünste abbilden. Über Herkunft, Geschichte und Entwicklung von Qigong und Tai Chi gibt es noch so viel mehr spannende Details. Eine nahezu unerschöpfliche Quelle mit Infos, Fotos und Übungsbeispielen finden Interessierte im Taiji-Forum.

Doris Goedecke-Vorberg

Redaktion, BARMER | Unternehmenskommunikation

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