Interview

Herzschrittmacher oder Defibrillator?

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Experten der Deutschen Herzstiftung schätzen, dass in Deutschland etwa zwei bis drei Millionen Menschen an Herzschwäche (Herzinsuffizienz) leiden. In schwereren Fällen wird die Herzfunktion durch Implantation eines Herzschrittmachers unterstützt, häufig sogar mit Defibrillator, um im Ernstfall einem Herzstillstand entgegenzuwirken. Doch die Schockfunktion des Defibrillators birgt Tücken, da es hin und wieder zu unnötigen Fehlschocks kommt, die Betroffene ängstigen – bis hin zu Depressionen.
In der sogenannten RESET-CRT-Studie der BARMER und des Herzzentrums Leipzig wird an 100 Herzzentren bundesweit untersucht, ob bei Herzinsuffizienz-Patienten anstatt eines Defibrillators mit Schockfunktion ein schonender, kostengünstiger Schrittmacher ohne Schock eingesetzt werden sollte, der ebenfalls die Herzfunktion stärkt.
Welche Argumente für diese Studie sprechen, und welche Ergebnisse sich die Projektpartner erhoffen, lesen Sie im Interview mit dem Leiter der Studie, Prof. Dr. Gerhard Hindricks.

Interview mit Prof. Dr. Gerhard Hindricks

Was veranlasst Sie zu der Annahme, dass in Deutschland bei Herzinsuffizienz eine für die Patienten belastende Überversorgung mit Defibrillatoren erfolgt?

Wir haben gute Daten aus den anderen europäischen Ländern zu der Versorgung der Patienten mit solchen Drei-Kammer-Geräten. In Deutschland ist nicht nur die absolute Zahl der eingesetzten Drei-Kammer-Defibrillatoren am größten; auch der relative Prozentsatz der Drei-Kammer-Defibrillatoren unter den Drei-Kammer-Geräten ist der höchste unter allen europäischen Ländern, aus denen wir gute Daten haben, und erreicht fast 90 Prozent. Andere Länder mit sehr gut entwickelten Gesundheitssystemen weisen viel geringere Raten aus und die Medizin, die dort gemacht wird, ist trotzdem sehr gut.

Besteht bei einem Herzschrittmacher mit Defibrillator für die Patienten generell eine höhere Überlebenschance?

Ja, aber natürlich nur, wenn das Gerät gebraucht wird. Das ist bei Patienten der Fall, die nachgewiesene lebensbedrohliche Rhythmusstörungen haben, aber auch bei Patienten mit stark eingeschränkter Pumpfunktion. Man weiß aber, dass Drei-Kammer-Geräte auch als reine Schrittmacher die Anzahl der lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen reduzieren. Der Nutzen der zusätzlichen Defibrillatorfunktion ist also bei diesen Patienten fraglich, die Nachteile sind aber weiter gegeben.

Wer entscheidet, welches Modell ein Patient erhält und nach welchen Kriterien erfolgt die Entscheidung?

Die Zuteilung zu einem Drei-Kammer-Schrittmacher oder einem Drei-Kammer-Defibrillator erfolgt zufallsmäßig. Die Entscheidung aber für ein konkretes Gerät trifft der behandelnde Arzt.

Welche positiven Folgen aus der Studie wären zu erwarten, wenn sie belegt, dass Herzschrittmacher mit und ohne Defibrillator sich als ebenbürtig erweisen?

Wir rechnen damit, dass die Ergebnisse  der Studie die internationalen Leitlinien, die für diese konkrete Frage bisher leider nur wenig hilfreich sind und keine klare Aussage treffen, in diesem Gebiet bestimmend beeinflussen werden. Wenn sich der Drei-Kammer-Schrittmacher dem Drei-Kammer-Defibrillator als ebenbürtig erweist, hätte das viele positive Auswirkungen sowohl auf die Lebensqualität der Patienten (keine unnötigen Fehlschocks, keine Angst vor Schocks, längere Geräte-Lebensdauer), aber auch auf die Kosten im Gesundheitswesen mit Vermeidung von unnötigen und Patientenwerte nicht bedienenden Ausgaben, die in anderen Bereichen sinnvoller zu Gunsten unserer Patienten eingesetzt werden können.

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Kommentar
  1. Sehr geehrte Damen und Herren.
    Seit 6 Jahren trage ich einen eingesetzten Defibrillator,da ich eine Herzschwäche habe.Diese äußsert sich in Herzrhythmusstörungen(wie Aussetzer und Stolpern) Mein behandelnder Kardiologe meint es wären keine gefährlichen Rhytmusstörungen,trotzdem habe ich sie jeden Tag und das beunruhigt mich sehr.Auch müßte wohl bald die Batterie gewechselt werden,was zusätzlicher Stress bedeutet,aber am meisten habe ich angst wenn ich mal eine Schock-Funktion durch den Defibrillator erhalte.Deshalb meine Frage: Ich bin 77 Jahre alt und würde für mich ein kostengünstiger Defibrillator ohne Schock noch in frage kommen,oder was wäre eine alternative gegen meine Rhythmusstörungen. Ich würde mich auf Antwort freuen.
    Mit besten Grüßen
    Dietrich Haase