Startseite Gesundheit Gegen die Einsamkeit – Robert (39) berichtet
Mann klettert in Zelt; zu sehen sind nur noch die nackten Unterschenkel mit roten Schuhen..
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„Mein Sohn zeigt mir, wie glücklich und schön das Leben sein kann – auch unter den Bedingungen von Corona!“

Ich wohne in einer WG, wobei der Kontakt zu den Mitbewohnern nur gelegentlich und für eine kurze Zeit besteht. Seit Beginn meiner Erkrankung, bipolare Störung, beziehe ich eine Berufsunfähigkeitsrente. Mittlerweile bin ich für einige Organisationen ehrenamtlich tätig. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, über die Erkrankung aufzuklären und diese in der Bevölkerung bekannter zu machen, denn damit kann bewirkt werden, dass Betroffene schneller Hilfe suchen bzw. annehmen und dass Angehörige sofort besser unterstützt werden können. Je nach Wochentag steht bei mir zunächst ab 7.30 Uhr die Betreuung unseres Sohnes an, der nur an zwei Tagen in die Notbetreuung der Kita geht. Die ehrenamtliche Arbeit und andere Termine müssen dann so gelegt werden, dass sie im Anschluss an die Betreuung meines Sohnes stattfinden können bzw. wenn seine Mutter für ihn da sein kann.

Corona fördert soziale Einsamkeit

Da die Familie beruflich und durch Homeschooling sehr eingebunden ist, finden gegenseitige Besuche deutlich seltener statt als bisher. Der Abend bestand oft aus Ausflügen, Kinobesuchen, Varieté, Selbsthilfegruppen oder Fitness – jetzt findet Freizeit zuhause statt. Ich empfinde das als eine soziale Einsamkeit.

Rotes Banner mit weißem Schriftzug à la Star Wars:

Seit Beginn der Pandemie fällt es mir auch deutlich schwerer, das Haus zu verlassen und zum Beispiel auf Spielplätze zu gehen. Der Kontakt zu anderen Müttern und Vätern oder zu Familienzentren ist daher nicht mehr vorhanden. Auch verändert sich ein Kleinkind so schnell und es schmerzt, dass aufgrund von Corona viele Dinge in der jetzigen Entwicklungsstufe nicht möglich sind. Beispielsweise ist es gerade nicht möglich, mit meinem Sohn in den Schwimmunterricht zu gehen. Das bedeutet für mich den Verlust eines wertvollen Momentes, denn ob ein Kind mit zwei oder mit drei Jahren zum ersten Mal im Wasser ist, ist ein großer Unterschied. So führt eine teils unsichtbare Erkrankung dazu, dass ich selbst versuche „unsichtbar“ zu sein, um mich und meine Familie zu schützen.

Der Blick für das Wesentliche schärft sich

Die momentane Situation kann Angsterkrankungen auslösen, die zu einer Depression führen können. Hoffnung und Zuversicht kann man selbst haben, sie wird jedoch auch gestärkt durch die sozialen Kontakte in Form von persönlichen Gesprächen und Nähe. Während der erste Lockdown mir damals noch viel zu kurz ausfiel, dauert dieser Lockdown für mich mittlerweile umso länger. Dass ich meiner Erkrankung zusätzlich zur Corona-Pandemie ausgeliefert bin, erschwert mir schon, das Vertrauen in „das Leben“ nicht zu verlieren. Dabei frage ich mich auch: „Was ist: das Leben? – Die Erfüllung von Aufgaben und ein Leben in Einsamkeit?“ Dann stärkt mich aber wieder der Anblick unseres Sohnes, der all das kaum mitbekommt und mir zeigt, wie glücklich und wie schön das Leben sein kann. Durch die Kontaktbeschränkungen und das Gefühl der Überwachung jedes einzelnen Kontaktes, ist ein unbeschwertes Zusammensein mit der Familie für mich kaum möglich.

Fahrrad-Gruppe, im Vordergrund ist eine gelb-blaue Fahne der MUT-TOUR zu sehen

Vieles ist eher ein weitläufiger Kompromiss, anstatt die Erfüllung von Lebensträumen! Die Zeit alleine ist mir demnach auch viel zu lange anstatt zu kurz. Ich hoffe, dass die Situation nicht wieder meine psychische Instabilität triggert, so wie es vor einigen Wochen der Fall war.
In der Vergangenheit habe ich mir Kompetenzen angeeignet, an denen ich jetzt unter Corona-Bedingungen leider wieder gehindert werde. Zum Beispiel durch Ausgangsbeschränkungen. Aber ich hoffe, dass ich – wenn  möglich – auch weiterhin noch Unternehmungen wenn auch nur mit mir allein plane. Auch das Bestreben zum Minimalismus hat sich bei mir weiter ausgeprägt, wodurch ich hoffe, dass mein Leben auch künftig einfacher wird. Durch die Reduktion von zusätzlichen Aufgaben, sind auch einige Stressoren in meinem Leben entfernt worden. Ich beschäftige mich täglich mit dem Sinn des Lebens. Für mich ist es wichtig, mit ganz wenig glücklich sein zu können und mit Freude in eine Zukunft zu blicken, die uns wieder unsere Freiheit geben wird. Meine „Gesundheit“ wird dies durchhalten. Ich habe Vertrauen und Kraft, dass die Freude wieder zurückkehrt!

Adler oder anderer Greifvogel sitzt auf einem Stein und breitet seine Flügel wie zum Abheben aus.aus

Redaktion

BARMER eMagazin

Bildnachweis

  • Gegen die Einsamkeit – © alle Fotos: Sebastian Burger, Initiator und Mitbegründer der MUT-TOUR

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