Startseite Gesundheit Gegen die Einsamkeit – Elvira (66) berichtet
Vier MUT-TOUR-Aktive stehen mit dem Rücken zur Kamera in einem Feld voller Sonnenblumen.
Gesundheit

„Ich gebe nicht mehr so schnell auf wie früher“

Seit Januar 2020 bin ich Rentnerin. Vorher arbeitete ich im Bildungsbereich der Altenpflege. Ich lebe alleine. Von meiner Wohnung aus bin ich in fünf Minuten zu Fuß im Grünen, die nächste Bushaltestelle erreiche ich in zehn Minuten. Alle notwendigen Versorgungsmöglichkeiten wie Supermärkte und Co liegen ebenfalls im Umkreis von höchstens zehn Fahrradminuten.
Ende Januar 2020 kam ich von einer längerem Reha in einer entfernter liegenden psychosomatischen Klinik zurück und begann, meinen Alltag wieder zu leben. Das lief ganz gut an. Ich hatte Pläne, mir nebenberuflich etwas dazu zu verdienen und nahm meine Kontakte, die ich auch während des Klinikaufenthaltes weitgehend gehalten hatte, wieder nach und nach auf.

Elvira – MUT-TOUR-Aktive

Ausgebremst von jetzt auf gleich

Mein soziales Leben vor Corona spielte sich ausschließlich außerhalb meiner Wohnung ab. Ich hatte feste Gruppen (politische Arbeit, Kulturarbeit, Netzwerktreffen, Trommeln, Wandern, ein Fahrradprojekt, Wassersport), an denen ich kontinuierlich teilnahm und führte darüber hinaus regelmäßige Freizeitaktivitäten durch (Konzerte, Theater, Treffen mit Bekannten, Besuche der weiter weg wohnenden Familie/Freundinnen, Fahrradtouren, Bildungs- und Kulturveranstaltungen).
Anfang März 2020 brach dann meine gesamte Tagesstruktur zusammen. Ich durfte quasi nichts mehr davon machen. Dazu kam, dass die ersten geplanten beruflichen Aktivitäten aufgrund der Pandemie abgesagt wurden. Die ambulanten Therapiegespräche, zu denen ich noch fuhr, wurden anfangs ausgesetzt, später in Telefontherapie umgewandelt. Ich saß also zu Hause und musste mich völlig neu orientieren. Ich kannte zwar in meinem Heimatort (eine Großstadt in Niedersachsen) eine Menge Leute, es waren allerdings (gute) Bekannte und (noch) keine wirklich eng vertrauten Menschen. Meine Familie und Freundinnen wohnten mindestens 40 Kilometer entfernt, ohne ein eigenes Auto waren diese für mich nur schwer zu erreichen.

Kontakte im Supermarkt

Bis in den April hinein, in den ersten Wochen des Lockdowns schaffte ich es, täglich nach dem Aufstehen (zu der Zeit spätestens um sieben Uhr) entweder einen langen Spaziergang im Grünen zu machen oder eine längere Fahrradtour zu unternehmen.  Anfangs bin ich danach sogar, damit ich überhaupt mit Menschen sprechen konnte, kurz in einen Supermarkt in meiner Nähe gegangen und habe mir irgendeine Kleinigkeit gekauft. Ich begann, mich einsam zu fühlen. Mir fehlte die direkte Begegnung mit anderen mir vertrauten Menschen.
Im Laufe des Sommers gab es zwar Lockerungen bei den sozialen Kontakten, Aktivitäten in Gruppen durften trotzdem weitgehend nicht stattfinden. Zu dem Zeitpunkt hatte sich mein psychisches Befinden nach und nach verschlechtert. Erst geschah das eher unbemerkt, dann konnte ich es deutlich spüren. Ich fühlte mich depressiv und kämpfte mit den entsprechenden Symptomen. Trotzdem versuchte ich, eine Selbsthilfegruppe auf die Beine zu stellen und Kontakt zu anderen allein-lebenden Menschen zu bekommen.  Ich besuchte zweimal für mehrere Tage eine Freundin im hohen Norden und sah sporadisch einzelne Mitglieder meiner Familie.

Bunter Pausentisch mit vielen unterschiedlichen Utensilien: Toilettenpapier-Rolle, lachende Emojis, Brot etc.

Im Juni nahm ich an der Auftaktveranstaltung der MUT-TOUR in Stadthagen teil, bei der wir auch eine gemeinsame Fahrradtour unternahmen. Ich traf dort mehrere Bekannte, die ich von früheren gemeinsamen Touren kannte. Im August fuhr ich zu der Abschlussveranstaltung, wieder in Stadthagen. Diese beiden Treffen waren so etwas wie soziale Höhepunkte für mich in diesem Jahr. Schließlich entwickelte sich auch an meinem Heimatort ein regelmäßiger, in größeren Abständen stattfindender Kontakt zu zwei Bekannten, die im Laufe des Jahres ein fester Bestandteil meines Alltags wurden. Aus dem Bemühen eine Selbsthilfegruppe aufzubauen, was aber letztendlich nicht zustande kam, entwickelte sich ein regelmäßiger, inzwischen sehr vertrauter Wanderkontakt zu einer der Interessierten.
Einige der Treffen meiner anderen Gruppen fanden nach und nach überwiegend virtuell statt, an denen ich anfangs regelmäßig, im Laufe des Jahres jedoch weniger oft teilnahm. In dieser Zeit tat es mir gut, dass ich durch E-Mail, Telefonate und Videokonferenzen persönlichen Kontakt zu den Leuten von der MUT-TOUR hatte. Auch wenn wir nicht direkt über meine Schwierigkeiten redeten. Es war erleichternd, zu Menschen Kontakt zu haben, die das Problem der Einsamkeit mit den möglichen Folgen sehen und denen es zumindest theoretisch nicht fremd war. Ab der zweiten Jahreshälfte nahm ich regelmäßig an der virtuellen Teestunde der MUT-TOUR teil, die zweimal im Monat stattfand.

Wohlbefinden nicht vom Umfeld abhängig machen

Im letzten Quartal des Jahres setzte ich mein Vorhaben von 2019 um und begann, beim Bündnis gegen Depressionen hier in Osnabrück mitzuarbeiten. Nach einem persönlichen folgten dann aufgrund des erneuten Lockdowns virtuelle Treffen. Die virtuellen Begegnungen sind wichtig für mich, eine persönliche Begegnung können sie jedoch nicht ersetzen. Auch wenn ich vor Corona meine Familie und enge Freundinnen nicht zu oft sah, so fehlt mir der persönliche Kontakt doch sehr. Ich konnte allerdings auch beobachten, dass sich manche meiner Beziehungen trotz der Beschränkungen intensiviert haben. So telefoniere ich öfter als früher mit meiner Familie und halte regelmäßiger Kontakt zu Freundinnen.
Ich bin nicht mehr so schnell entmutigt, wenn es um Kontakte suchen und pflegen geht. Wenn jemand keine Zeit oder gerade kein Interesse hat, beziehe ich es nicht unbedingt auf mich und schaue, ob es andere Menschen gibt, mit denen ich mein Vorhaben umsetzen kann. Das ist nicht immer leicht, trotzdem hat sich das Gefühl der Einsamkeit deutlich verändert. Ich schaffe es weitgehend, mein Wohlbefinden nicht allein von meinem sozialen Umfeld abhängig zu machen. Wenn ich zum Beispiel draußen in der Natur bin, ist es manchmal schön, mit niemanden zu reden und einfach nur „zu sein“. Die Betonung liegt hier allerdings auf manchmal. Wenn es nichts anderes gibt, dann wird es auf Dauer schwierig. Es gibt immer noch deutliche Einschränkungen im sozialen Leben. Manche der Bestimmungen sind sicher notwendig und gut, manche erschließen sich mir persönlich nicht wirklich. Bei dieser Art von Fremdbestimmung die Balance zu finden, um ein relativ stabiles psychisches Befinden aufrecht zu erhalten, erfordert sehr viel Energie und Durchhaltevermögen, die mir nicht durchgehend zur Verfügung stehen.
Im Hinblick auf die Zukunft beschäftige ich mich damit, wie ich „mit Corona“ meine Zufriedenheit finden kann, darüber hinaus mache ich mir Gedanken darüber, was ich will, wenn wieder weitgehend alle Freiheiten möglich sind.

Zwei Tandems mit MUT-TOUR-Radlern auf einer Landstraße; Fahrer und Fahrerinnen heben den Daumen hoch.

 

Wer sich mit Melanie, Robert oder Elvira weiter austauschen möchte,
kann sich zur Kontakt-Vermittlung gerne an die Redaktion wenden! 

Redaktion

BARMER eMagazin

Bildnachweis

  • Gegen Die Einsamkeit – © alle Fotos: Sebastian Burger, Initiator und Mitbegründer der MUT-TOUR

Zusatzinhalte: