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Faszination Faszien

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Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich, Rückenschmerzen, Probleme mit dem Knie oder der Achillessehne, lange Zeit wurden Beschwerden am Bewegungsapparat vor allem dem muskulären Bereich zugeordnet. Jetzt haben Wissenschaftler einen neuen Schuldigen gefunden: die Faszien. Faszi… wer oder was? Bei dem aktuellen Star am Forschungshimmel handelt es sich um dünne weiße Bindegewebsschichten aus Kollagen, die unseren gesamten Körper wie ein dreidimensionales Gitternetz von oben nach unten, von innen nach außen und von vorne nach hinten durchziehen. Ob Herz, Darm, Augen, Gehirn – Faszien umhüllen jedes Organ, jeden Knochen und alle Muskeln. Sogar die Nerven sind von Faszien umhüllt. Damit machen sie immerhin bis zu 20 Volumenprozent des menschlichen Körpers aus. Da verwundert es schon ein wenig, dass die Faszien bis vor kurzem ein Schattendasein fristen mussten.

Einer der bekanntesten Faszien-Forscher kommt aus Deutschland. Dr. Robert Schleip leitet das Fascia Research Projekt der Universität Ulm und bezeichnet das Bindegewebe häufig als „Aschenputtel-Organ“. „Im Anatomiekurs waren angehende Ärzte froh, wenn sie das strukturlose, nahezu weiße Gewebe wegpräpariert hatten, um freie Sicht auf das rote Muskelfleisch und die Organe zu bekommen“, so Schleip. Dabei wurde schon in den 1950er Jahren in den USA eine spezielle Faszien-Therapieform entwickelt: das Rolfing. Doch der Erfinderin, Dr. Ida Rolf, fehlten die wissenschaftlichen Beweise für ihre Therapieerfolge. Ähnlich erlebte es auch Schleip. Als praktizierender „Rolfer“ sah er in der Praxis täglich Erfolge durch die Behandlung der Faszien. Auf das Warum fehlten jedoch auch ihm konkrete Antworten. Das wollte er ändern, studierte Humanbiologie und fokussierte sich dabei auf die Faszien.

Heute arbeiten zahlreiche internationale Wissenschaftler daran, die Bedeutung des Bindegewebes zu entschlüsseln. Und es gibt konkrete Ergebnisse. Inzwischen weiß man beispielsweise, dass wir uns ohne Faszien gar nicht bewegen könnten. Doch sie stützen uns nicht nur und geben uns Halt, Faszien haben auch eine große Bedeutung für die Leistungsfähigkeit. So zeigen beispielsweise Untersuchungen, dass Sportanfänger mit reiner Muskelkraft nur kleine Sprünge machen, während Profis, obwohl sie beim Absprung weniger muskuläre Kraft aufwenden, höher springen können. Der Grund ist nachvollziehbar: Trainierte Faszien wandeln die Landung in einen Bewegungsimpuls für den Absprung um, denn beim Hüpfen oder Laufen ziehen sich die faszialen Elemente wie Gummibänder auseinander und wieder zusammen und geben der Bewegung so zusätzliche Kraft. Diese Erkenntnis könnte nach Ansicht der Faszien-Forscher den gesamten Sport revolutionieren, indem sich das Training zukünftig nicht nur auf die Muskeln, sondern auch auf die Faszien konzentriert.

Das gezielte Training der Faszien scheint aber auch für die Behandlung von Schmerzen eine ganz entscheidende Rolle zu spielen. Denn sobald Faszien ihre ursprüngliche Elastizität verlieren, das passiert vor allem durch Verletzungen oder Bewegungsmangel, verkleben und verhärten sie. Das wiederum kann zu Schmerzen führen. Besonders im Visier der Forscher stehen derzeit die Faszien im Lendenbereich, weil sie weitere Auslöser für unspezifische Rückenschmerzen sein könnten. Forschungsergebnisse aus Amerika scheinen das zu belegen: Bei Untersuchungen von Rückenpatienten mit einem speziellen Ultraschall konnte eine verminderte Gleitfähigkeit der Lendenfaszien nachgewiesen werden.

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER GEK, ist überzeugt, dass man in Zukunft noch eine Menge über das Bindegewebe hören wird. „Weil die Faszien-Forschung eine sehr junge Disziplin ist, sind die Wissenschaftler geradezu elektrisiert. Ich erwarte spannende Ergebnisse.“ Ein besonderes Interesse dürfte etwa die Altersforschung an den Resultaten haben. Denn schon heute weiß die Wissenschaft, dass gute trainierte Faszien die Muskeln vor Verletzungen schützen und die Beweglichkeit unterstützen. Man weiß aber auch, dass Faszien mit zunehmendem Alter an Elastizität verlieren. Ein Grund mehr für ein spezielles Training des Bindegewebes. Vor allem die Fitnessbranche hat das erkannt und vermarktet das wachsende Interesse an den Faszien geschickt. In Studios werden Kurse wie Faszien-Yoga und Faszien-Pilates angeboten, auf dem Büchermarkt erscheint gefühlt mindestens einmal wöchentlich ein neuer Titel mit Tipps für das Bindegewebetraining, und an Fazien-Rollen zur Selbstmassage scheint kein Weg vorbeizuführen.

So sinnvoll das Training auch ist, ein genauer Blick auf die einzelnen Angebote lohnt sich. Denn bei so mancher vermeintlich aktuellen Methode handelt es sich nur um alten Wein in neuen Schläuchen. Spezielle Dehnübungen, Bewegungsmethoden wie Pilates, Tai-Chi und Qigong, aber auch Yoga gelten als geeignete Methoden, die Elastizität des Bindegewebes zu erhöhen. In solchen Kursen wurden und werden die Faszien also  immer mittrainiert. Damit gibt es keinen Grund, mehr Geld für den Unterricht zu bezahlen, nur weil der Kurs jetzt das Wort Faszien im Namen trägt. Außerdem gibt es Alternativen, die sich zuhause oder im Park vor der Haustür durchführen lassen, etwa sanft federnde Dehnübungen oder Seilspringen.
Effektiv ist auch die Selbstmassage, um verklebte und verhärtete Faszien zu lösen und zu lockern. Dazu eigenen sich Tennis- und Igelbälle, Holzrollen und die bereits erwähnte Faszien-Rolle, die es in unterschiedlichen Ausführungen gibt. Dabei schiebt man sich in Zeitlupe über die Rolle oder den Ball, und zwar mit einem Druck, den man selbst noch als angenehm empfindet. Das eigene Schmerzempfinden ist laut Marschall auch der beste Indikator, um es mit dem Training nicht zu übertreiben. Dennoch sollte man sich vor einer Selbstmassage von einem Profi den richtigen Umgang zeigen lassen. Wer regelmäßig zweimal pro Woche zehn Minuten trainiert, kann die Struktur seiner Faszien verbessern.

Faszien-Training

Lust auf ein Faszien-Training, aber nicht auf die Faszien-Rolle? Dann versuchen Sie es doch mal mit dem „Happy Balance“-Programm von TELE-GYM-Profi Johanna Fellner, das Sie Ihnen kurz vorstellt. Sie können die DVD direkt über TELEGYM beziehen.

Claudia Rembecki

Redakteurin, BARMER Unternehmenskommunikation

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Kommentar
  1. Hallo,
    der Beitrag ist toll und hilfreich, super aktuell und derzeit wirklich hip. Ich selbst habe durch den Tipp eines sehr bekannten und engagierten Sporttherapeuten mir solch eine Rolle angeschafft. Es hilft, macht Spaß und vor allem konnte ich feststellen das ich für mich noch mehr tun kann als ich bisher dachte. Danke für den Beitrag von dem ganz sicher viele Menschen profitieren werden!

  2. Vor Jahren schon habe ich bei einer Physiotherapeutin Hinweise gelesen, in denen es um die Behandlung der Faszien ging. Diese Behandlungen musste man aber selber bezahlen. Übernimmt die Barmer GEK mittlerweile diese Kosten? Wenn nicht, warum dauert es solange bis sich erfolgreiche Methoden durchsetzen?

    1. Sehr geehrter Herr Rahn,
      das Faszien-Training bezeichnet eine Mischung aus Dehnen, Springen, Federn und Schwingen unter der Vorstellung, dass so die Bindegewebsfaszien wieder geschmeidiger gleiten. Zusätzlich werden bestimmte Körperteile wie beispielsweise die Beine oder der Rücken mit einer zylinderförmigen Schaumstoffrolle massiert. Mit Ausnahme der Rollenmassage sind, wie in dem Artikel beschrieben, viele Elemente bereits heute Teil verschiedener Bewegungskurse (beispielsweise Yoga), für die die BARMER GEK im Rahmen ihres Präventionsangebotes (https://www.barmer-gek.de/leistungen-beratung/leistungen-a-z/gesundheitskurse-9796)die Kosten zu einem Teil übernimmt. Da viele Experten gleichzeitig der Ansicht sind, dass die Faszien nur wenige Minuten zu Beginn oder am Ende einer Übungsstunde mit in das Training einbezogen werden sollen, finden Sie sicher innerhalb des BARMER GEK Angebotes Kurse, mit denen Sie Ihre Faszien trainieren können.
      Mit freundlichen Grüßen
      Claudia Rembecki

  3. Das „Rolfing“ (nach Ida Rolf) beschäftigt sich seit vielen Jahrzehnten mit den Faszien, schade, dass es hier keine Erwähnung findet. So ganz neu sind diese Erkenntnisse also nicht. Danke für dein Beitrag!
    MfG
    R. Moufang

    1. Schön, dass Ihnen der Beitrag gefällt. Einen kurzen Hinweis auf das Rolfing finden Sie unter der Überschrift „Von der Praxis zur Theorie“.
      Mit freundlichen Grüßen
      Claudia Rembecki

  4. Der Videobeitrag war sehr interessant.
    Dabei ist mir aufgefallen, dass viele der gezeigten Bewegungsabläufe den sogenannten „Asanas“, die beim Yoga geübt werden, entsprechen. Dies schreibt auch Frau Rembecki weiter oben. Beim Happy Balance werden sie nur etwas sportlicher und dynamischer ausgeführt. Wer es also nicht ganz so „aufregend “ haben muss – sei es aus Neigung oder wegen körperlicher Einschränkungen, sollte sich überlegen, eine Yoga-Übungsstunde mitzumachen.

  5. Die Rolle tut mir und denen, ich eine geschenkt habe sehr gut. Aber auch ohne Rolle kann man die Faszien gut trainieren. Von J. Fellner kenne ich schon andere DVD und Übungen und finde alles von ihr toll, kann alles nur empfehlen.

  6. Der Bericht im Barmer GEK Magazin und der Auszug aus der Trainings-DVD ist sehr interessant.
    Jetzt verstehe ich meine morgendliche Gliedersteifheit besser und kann durch Bewegungsübungen etwas dagegen tun !
    Wie gut, dass Sie mich über diese “ Faszien “ nformiert haben, vielen Dank.

  7. Danke für die Info Ihrer Ratgeber/Anregerseiten aber…..
    Die Beschreibung des Faszientrainings bei Achillessehnenreizung scheint nicht richtig, wie stelle ich mir folgendes vor: F-Rolle so plazieren “ rechter Oberschenkel oberhalb der Ferse…..“
    Gerne lasse ich mir diese Übung von Ihnen persönlich erklären.
    M.f.G.

    1. Danke für den Hinweis! Da hat sich tatsächlich der Fehlerteufel eingeschlichen. Es muss natürlich „Unterschenkel“ heißen. Ich werde das direkt korrigieren.
      Mit freundlichen Grüßen
      Claudia Rembecki

  8. Guter Ansatz Ihrer gesetzlichen Krankenkasse. Die Dame von Telegym wirkt sehr sympathisch. Als Faszientrainerin befürworte ich sehr, das hocheffiziente Methoden der Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Daher führe ich in Hamburg ein ähnliches Programm aus “ Präventives Rücken und Gelenktraining“ welches von den Krankenkassen zertifiziert ist und auf die Prinzipien des Faszientrainings abgestimmt ist. Herzliche Grüße