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Kompass zeigt auf das Wort ZEITMANAGEMENT

Endlich Schluss mit Aufschieben!

Eigentlich wollten wir ja schon längst den überteuerten Internetanbieter wechseln und einen Termin zur Prophylaxe beim Zahnarzt vereinbaren. Und eigentlich müssten auch endlich die Unterlagen für die Steuererklärung sortiert, ein paar Papierdokumente digitalisiert und der Keller ausgemistet werden. Und eigentlich ließe sich auch problemlos Zeit dafür finden, aber irgendwie können wir uns nicht aufraffen. Solche oder ähnliche Situationen kennen viele Menschen.

Aber nicht nur für das Erledigen privater Dinge fehlt manchen der Antrieb. Auch im beruflichen Umfeld ist das Aufschieben von Aufgaben weit verbreitet. So kann beispielsweise das Arbeiten im Homeoffice den einen oder anderen ein bisschen zum Trödeln verführen. Schließlich kann man sich die Arbeitszeit frei einteilen und es gibt insgesamt weniger Druck vom Chef. Das ist für viele ungewohnt; und schon ist es passiert: Da steht seit drei Wochen das Konzept zur Videokonferenz auf der To-do-Liste ganz oben, nun ist Abgabe in drei Tagen. Puh! Endlich heute anfangen? Oder lieber morgen? Die innere Stimme verkündet: „Bin jetzt nicht in der richtigen Stimmung.“ Also werden doch erst einmal die Blumen gegossen, ein frischen Kaffee gekocht und schließlich noch mal schnell die Freundin angerufen. All das lässt kurzfristig das angenehme Gefühl aufkommen, die Zeit irgendwie sinnvoll genutzt zu haben. Doch tief im Inneren weiß man ganz genau, wie trügerisch das ist.

Illustration: Deadline als Schreckgespenst

Wird eine wichtige Tätigkeit hinausgezögert beziehungsweise hintenangestellt, spricht man von Prokrastinantion. Umgangssprachlich auch Aufschieberitis. Anstehende Entscheidungen, drängende Aufgaben, unangenehme Pflichten werden auf die lange Bank geschoben – immer wieder und immer wieder. Was durchaus nachvollziehbar ist: Wer möchte schließlich nicht lieber eine spannende Serie streamen, statt sich über die dröge Steuererklärung zu beugen?  Wäre da nicht dieser innere Druck, der sich aufbaut, die Aufgabe nicht zu schaffen, Ärger im Job zu bekommen, unnötig viel Geld für einen nicht gekündigten Vertrag zu zahlen oder im Stapel nicht beschrifteter Kartons nur noch Chaos vorzufinden? Mit zunehmendem schlechten Gewissen wächst der Stress.

junge Frau ist erschrocken über eine nicht abgearbeitete Checkliste, die als Gedankenblase zu sehen ist

Familie, Freunde und Kollegen Mitmenschen empfinden Aufschieber als Faulpelze oder Drückeberger. Doch weit gefehlt, das stimmt so nicht. Prokrastination hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern damit, dass schlecht Prioritäten gesetzt werden können und die Unsicherheit entsteht, wo man beim Abtragen des Arbeitsberges anfangen sollte. Nicht selten ist auch eine heftige Überlastung im Alltag schuld. Hinzu kommt: Manch einer lässt sich schnell ablenken, tut sich schwer in der Organisierung von Aufgaben und hat zudem einen so hohen Anspruch an sich, so dass er, um nicht enttäuscht zu werden, erstmal gar nicht anfängt. Andere wiederum fangen zunächst an, scheuen dann aber die Detailarbeit und bleiben in der Mühe der Ebene stecken.

Aufschieberitis ist weit verbreitet

Es gibt übrigens an der Universität Münster eine Prokrastiantionsambulanz.Dort haben Experten durch Umfragen herausgefunden, dass nur zwei Prozent der Menschen angaben, niemals Dinge aufzuschieben!

Bunte Haftnotizen mit dem Motivationsspruch - Jetzt machen

Was tun? Einfach mal Innhalten und sich fragen: „Welches sind die Gründe, warum ich nicht anfange? Wovor habe ich Angst? Was steckt hinter Sätzen wie: Das schaffe ich nicht! Das kann ich nicht! Dazu hab‘ ich keine Lust!

Erst wenn man die inneren Blockaden aufspürt, die sich da aufgetürmt haben, können die auch gelöst und der Arbeitsberg abtragen werden. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum Beispiel: Lernen, Prioritäten zu setzen. Am Vorhaben dranbleiben, sich nicht mit anderen Tätig­keiten ablenken, also Handy aus und weglegen. Eine To-do-Liste erstellen, mit Kreisen zum Abhaken – das ist befriedigender, als etwas durchzustreichen. Alle Punkte durchgehen: Was ist wichtig, was kann ich aufschieben, was abgeben?

Es ist wichtig, sich realistische Ziele zu stecken, nicht alles auf einmal erledigen zu wollen. Große Aufgaben lösen sich besser, wenn man sie in mehrere kleine aufteilt und Stück für Stück erledigt. Ziele sollten so konkret wie möglich formulieren werden. Warum nicht auch schriftlich, so ganz für sich. Nicht: Um Handwerker kümmern, sondern genau festlegen, wann wer angerufen wird.

Außerdem überlegen, wie man sich selber motivieren kann, um den inneren Druck verringern. Warum nicht mit 15 Minuten anfangen und das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben? Auf jeden Fall: Anfangen! Manchmal ist es zweitrangig womit, Hauptsache ist es, in die Aufgabe reinzukommen. Dann kristallisieren sich weitere Schwerpunkte heraus. Und schließlich, na klar: Sich belohnen! Das hat man schließlich verdient!

Zwei Seiten einer Medaille

Aufschieben wird aber oft auch zu schnell negativ bewertet. Nicht zu vergessen, es gibt sie auch, die positiven Seiten. Ab und zu kann es durch­aus sinn­voll sein, nicht gleich loszulegen, denn nicht jede Idee, jeder Geistesblitz kommt per Knopf­druck. Nicht immer ist man gleichermaßen produktiv. Und auch das kommt vor: Da hat man eine E-Mail sofort beantwortet, und danach erst kommen einem noch weitere, sogar bessere Ideen und Vorschläge in den Sinn. Hätte man es doch aufgeschoben, eine Nacht lang (oder mehrere) darüber geschlafen!

Außerdem, Dinge auf den letzten Drücker zu erledigen, kann auch anspornen, den Adrealinspiegel hochpuschen und die Leistung steigern. Manche Menschen, die unter Druck arbeiten, laufen kurz vor Terminabgabe nicht selten zu Höchstleistungen auf und steigern ihre Kreativität.

Manchmal auch werden Aktivitäten bewusst vertagt, um sich vorübergehend auf etwas anderes zu konzentrieren, was ebenfalls wichtig ist. Kommt die Deadline näher, steigt die Herausforderung und die Motivation nimmt zu, produktiv und konzentriert bis zum Ergebnis zu arbeiten. Aufschieben kann also durchaus auch eine Strategie sein, viele Aufgaben und Interessen unter einen Hut zu bekommen. Studenten schieben zum Beispiel das Schreiben von Seminararbeiten nicht selten so weit wie möglich nach hinten, schaffen damit Raum, um sich zunächst um einen Job, Praktikum oder soziale Aktivitäten zu kümmern.

Das alles klappt jedoch nur, wenn man sich selbst besser kennt und versteht. Wenn man weiß, wie man tickt, welche Ursachen das Aufschieben hat und woher der Hang zum Perfektionismus oder Ablenkungsfreudigkeit kommt. Dies zu ergründen hilft, um der Aufschieberitis nicht mehr so ausgeliefert zu sein. Wichtig ist ja, dass sich der innere Druck abbaut und die Unzufriedenheit nicht am Selbstwertgefühl nagt. Denn: Kurzfristig unangenehme Gefühle auszuhalten hilft, langfristig etwas Positives zu erreichen. Wie hieß das bekannte Sprichwort doch gleich? Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Manchmal ist an alten Weisheiten doch eine Menge dran!

Liegt es am Gehirn?

Ein Team um die Wissenschaftlerin Caroline Schlüter von der Ruhr-Universität Bochum untersuchte 264 Freiwillige, ließ sie in den Hirnscanner schieben, um das Volumen verschiedener Hirnareale sowie deren funktionelle Verknüpfungen zu ermitteln. Außerdem wurden die Versuchspersonen über ihre Fähigkeit zur Handlungskontrolle befragt, also wie leicht oder schwer es den Probanden fiel, Aufgaben anzupacken und konzentriert bei der Sache zu bleiben.

Wer von den Versuchspersonen dazu tendiert, Dinge aufzuschieben, hatte eine größere Amygdala (auch Mandelkern genannt) als jene, denen es leichter fiel, Aufgaben sofort zu erledigen. Die Amygdala spielt eine große Rolle bei der emotionalen Bewertung von Situationen. Sie warnt uns aber auch vor den negativen Auswirkungen, die unsere Handlungen haben können. Menschen mit einer größeren Amygdala fürchten sich deshalb möglicherweise eher vor den Konsequenzen ihrer Handlungen – und zögern den Beginn deshalb hinaus.

Das erklärt einiges, entschuldigt aber nicht alles!

Claudia Rembecki

Redakteurin, BARMER | eMagazin

Bildnachweis

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  • Auschieberitis: Deadline; © Rudie/stock.adobe.com
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