Zu den Begleiterscheinungen des Coronavirus gehört eine Informationsflut, der man als Laie kaum noch Herr werden kann. Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin der BARMER, fasst deshalb die wichtigsten Fakten über das neuartige Virus zum aktuellen Zeitpunkt zusammen.

Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Nachrichten über eine neue Form des Coronavirus von sehr weit weg kamen, aus China. Seither sind nur wenige Wochen vergangen, das Virus greift auch in Deutschland um sich, die Zahl der Infizierten und Toten steigt. Was nun?

Wir sollten mit einer guten Mischung aus Respekt vor dem Problem und Gelassenheit damit umgehen. Das rate ich aus zwei Gründen. Das neuartige Coronavirus ist gefährlich, ohne Zweifel. Bei jüngeren Patienten löst es eher milde Symptome aus. Jedoch müssen wir vor allem auf ältere und chronisch kranke Menschen achten, bei denen die neue Lungenkrankheit lebensbedrohlich sein kann. Aber auch bei jüngeren Menschen kann es schwere Verläufe geben, auch ohne bekannte Vorerkrankungen. Der zweite Grund ist unser Gesundheitssystem. So verständlich die Angst vor dieser neuen Gefahr für unsere Gesundheit ist, Deutschland ist gut auf solche Stresstests für unser Gesundheitswesen vorbereitet. Infizierte Menschen bekommen noch rasch und wirksam Hilfe. Für Panik gibt es keinen Grund, aber die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass wir alle Anstrengungen bündeln müssen, um die Geschwindigkeit der Ausbreitung zu reduzieren. Die Situation in Italien und Spanien zeigt, welche Auswirkungen eine große Menge von Betroffenen auf die Behandlung in Krankenhäusern haben kann.

Haben Sie den Eindruck, dass gerade Panik verbreitet wird?

Ich glaube nicht, dass bewusst Panik verbreitet wird, aber es gibt verständlicherweise zahlreiche Menschen, die verunsichert sind. Die Hamsterkäufe, der Run auf Desinfektionsmittel und Schutzmasken sprechen für sich. Auf der Straße begegnen mir immer wieder Menschen mit OP-Schutzmasken. Ich glaube, dass regelmäßig aktualisierte, wissenschaftliche Informationen in einer laienverständlichen Sprache das beste Mittel sind, um Gerüchten und einer Panik vorzubeugen.

Wie stark hängt die Verbreitung des Coronavirus vom Verhalten eines jeden einzelnen ab?

Damit unser Gesundheitssystem, das zu den besten der Welt gehört, dem Ansturm von Kranken auch weiterhin gewachsen bleibt, müssen wir dafür sorgen, dass nicht alle Menschen gleichzeitig erkranken und auf medizinische Hilfe angewiesen sind. Dafür müssen jetzt ungewöhnliche Wege eingeschlagen werden, die jeden Einzelnen betreffen. Wir müssen lieb gewonnene Freizeitaktivitäten einschränken und unsere sozialen Kontakte deutlich herunterfahren. Elementar wichtig ist und bleibt das strikte Einhalten der Hygieneregeln. Nur, wenn wir uns jetzt achtsam und diszipliniert verhalten, werden wir diese Pandemie bewältigen. Es kommt auf jeden Einzelnen an.

Wie wird das Virus übertragen?

Das Virus, offiziell als SARS-CoV-2 (Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2) bezeichnet, gehört zu einer Gruppe von Viren, die der Medizin seit langem bekannt sind. Hauptübertragungsweg sind Tröpfcheninfektionen, möglich sind aber auch Schmierinfektionen oder eine Ansteckung über die Bindehaut des Auges

Auf welche Symptome sollte man achten?

Leider sind die Symptome sehr unspezifisch, und die Krankheit verläuft sehr unterschiedlich. Bei vielen verläuft sie symptomlos, in schweren Fällen führt sie zu Lungenversagen und Tod. Basierend auf den bisherigen Erfahrungen wissen wir, dass vier von fünf Fällen mild bis moderat verlaufen. Als häufigste Symptome sind Fieber, Husten, Kurzatmigkeit, Schmerzen in Muskeln, Gelenken, Hals und Kopf, Übelkeit und Erbrechen, verstopfte Nase und Durchfall bekannt.

Wer ist besonders bedroht?

Zu den Menschen mit besonderem Risiko gehören ältere Personen, wobei das Risiko bereits ab 50 bis 60 Jahren stetig steigt. Das gleiche gilt für Patienten mit Vorerkankungen des Herzens, der Lunge, chronischen Lebererkrankungen, Diabetes mellitus, Krebs oder einem geschwächten Immunsystem. Sofern jüngere Menschen schon von diesen Erkrankungen betroffen sind, gehören sie ebenfalls zu der Risikogruppe. Auch Menschen, die ein transplantiertes Organ tragen, oder diejenigen, die sich in oder kurz nach einer Krebstherapie befinden, sollten sich besonders schützen. Wichtig ist, dass auch Raucher mit einem erhöhten Risiko des Krankheitsverlaufes rechnen müssen. Daher wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, damit aufzuhören.

Wie steht es mit Kindern oder Schwangeren?

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation scheinen Erkrankungen bei Kindern vergleichsweise mild zu verlaufen. Aber Kinder können sehr wohl Virusträger sein, ohne selber schon Symptome zu zeigen. Das ist ein Grund für die Kita- und Schulschließungen. Schwere Verläufe wurden bei Kindern und Jugendlichen eher selten beobachtet. Schwangere, das ist eine gute Nachricht, scheinen kein erhöhtes Risiko für schwere Erkrankungen zu haben.

Wie lange dauert es von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Erkrankung?

Das sind im Durchschnitt etwa fünf bis sechs Tage. In einzelnen Fällen können jedoch auch 14 Tage vergehen, bis sich Symptome zeigen. Nur sehr wenige Daten liegen bislang darüber vor, wie lange man ansteckend für andere Menschen bleibt. Die wenigen Studien dazu geben Zeiträume von sieben bis neun, andere bis 18 Tage an.

Was soll ich tun, wenn ich Symptome bei mir spüre?

Kontaktieren Sie den Hausarzt telefonisch und sprechen Sie mit ihm das weitere Vorgehen ab. Außerdem sollte das Gesundheitsamt informiert werden. An beiden Stellen erfahren Sie alle weiteren Schritte, zum Beispiel hinsichtlich eines Tests oder einer möglichen Quarantäne. Vor allem aber: Bleiben Sie ruhig und halten Sie Abstand zu anderen Personen!

Wann wird es einen Impfstoff geben?

Es gibt bereits erste Erfolge bei der Entwicklung eines Impfstoffs. Die Anwendung am Menschen innerhalb von Studien soll bald beginnen. Aber bis diese Testphasen abgeschlossen sind, wird noch einige Zeit vergehen. Hier muss vor allem auf die Sicherheit des Impfstoffes und seine Verträglichkeit geachtet werden. Schnellschüsse bergen hier zu hohe Risiken.

Ist das neue Coronavirus gefährlicher als zum Beispiel die Grippe?

Darüber streitet die Wissenschaft. Beides sind jedenfalls gefährliche Erkrankungen, nicht umsonst hat die WHO COVID-19 als Pandemie bezeichnet, weil sich die Erkrankung über viele Länder und Kontinente verbreitet hat. Die Übertragungsgeschwindigkeit ist höher als bei den Influenzaviren. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir gerade auch eine Grippesaison haben, die ihrerseits zu schweren Erkrankungen und leider auch zu hunderten Todesopfern in Deutschland führt.

Was halten Sie von Tipps aus Internet oder Social Media?

Informationen sind wichtig und helfen, die Dynamik der Erkrankungswelle zu verstehen. Aber es sollte vor allem darauf geachtet werden, dass hier wissenschaftlich gesicherte Informationen genutzt werden. Derzeit kursieren mitunter obskure Empfehlungen oder Theorien über das Virus. Ich rate daher, genau auf den Absender der Aussagen zu achten und sich ausschließlich auf seriöse Quellen zu verlassen. Gesicherte Informationen finden Sie zum Beispiel bei der BARMER oder beim Robert Koch-Institut.

Wie lange wird die Epidemie dauern?

Das kann heute niemand genau sagen. Erfahrungen der Grippesaison zeigen aber, dass mit steigenden Temperaturen die Anzahl der Erkrankungen sinkt. Allerdings sind sich auch hier die Experten nicht wirklich sicher. Gerade bei COVID-19 sind die Erkenntnisse im Fluss.

Claudia Rembecki

Redakteurin, BARMER Unternehmenskommunikation

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